Wärmemarkt
04.03.2016

Wie steht es um die Wärmewende?

foto: Wikipedia/Engoman23
Wärmedämmung.

Der niedrige Ölpreis ist ein Nackenschlag für die Energiewende im Gebäudebereich. Ölheizungen sind günstig, Wärmesanierungen rechnen sich deutlich langsamer.

 

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Öl für rund 30 Dollar pro Fass: Wer derzeit seinen Tank im Heizungstank im Keller füllt, kann sich freuen. Für die Wärmewende, die Umstellung der Energieversorgung im Gebäudesektor, ist es aber ein fatales Signal. Dort galt es lange als Binsenweisheit, dass Öl immer teurer wird, oder zumindest auf gar keinen Fall billiger. Ramschpreise für Heizöl – auch in Deutschland reagieren die Verbraucher darauf. Frank Ebisch vom Zentralverband Sanitär Heizung Klima berichtet, dass Ölbrennwertheizungen ein Absatzplus von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen. Und Wärme-Experte Markus Glasl vom Münchner Ludwig-Fröhler-Institut, sagt: „Die energetische Gebäudesanierung könnte durch die aktuellen Preisentwicklungen tatsächlich ins Stocken geraten."

Modellrechnungen zeigen, wie der billige fossile Rohstoff derzeit grüne Zukunftsalternativen untergräbt. 3.000 Liter Heizöl, das entspricht dem Jahresverbrauch eines Einfamilienhauses, gibt es derzeit für weniger als etwa 1.200 Euro. Eine vergleichbare Jahresrechnung mit Gasheizung schlägt dagegen mit über 2.000 Euro zu Buche. Und teure, aber von der Klimabilanz vorteilhafte Holz-Pellet-Heizungen schlagen mit rund 1.500 Euro Brennstoffkosten zu Buche.

Gas-Brennwertheizungen bleiben beim Einbau von Neuanlagen wohl auch jetzt noch Marktführer. Aber das Umstiegstempo insgesamt dürfte leiden. Wer derzeit einen Öltank im Keller stehen hat, überlegt sich dreimal, ob er den Austausch angesichts vieler Hundert Euro Ersparnis pro Jahr wirklich gerade jetzt in Angriff nehmen sollte. Auch die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagt: „Der niedrige Ölpreis kann die Energiewende im Wärmesektor behindern“.  Sie gibt allerdings zu bedenken, dass es sich um langfristige Entscheidungen handle. Kaum jemand vertraue darauf, dass die Ölpreise dauerhaft so niedrig blieben.

Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW), der auch die Anbieter solarthermischer Anlagen vertritt, sieht bereits Bremsspuren im Wärmemarkt. „Das billige Öl ist natürlich Gift für die Wärmewende“, sagt Geschäftsführer Carsten Körnig. Er fordert nun eine Reaktion der Politik. Der Ausstoß von Kohlendioxid solle deutlich verteuert werden und Zuschüsse für die Installation von Heizungen künftig nur noch geben, wenn diese zumindest anteilig aus erneuerbaren Energien gespeist werden. „Beim anstehenden Generationenwechsel in deutschen Heizkellern darf es keine Fehlanreize mehr für fossile Technik von gestern geben.“ Derzeit unterstützt die Förderbank KfW den Einbau einer modernen Ölheizung.
 

Das billige Öl macht Wärmesanieren weniger attraktiv

Nicht nur bei der Heiztechnik droht durch die niedrigen Ölpreise ein Rückschlag. Auch das Wärmesanieren von Gebäuden ist weniger attraktiv. Je billiger die Energie, desto länger dauert es, bis die Investition wieder hereingespielt ist.  Das Ludwig-Fröhler-Institut hat ausführliche Modellrechnungen angestellt, die noch auf einem mehr als doppelt so hohen Heizölpreis basierten. Selbst damit rechnete sich die Wärmesanierung erst nach neun bis 40 Jahren. Nun steigt die Amortisationszeit auf mehr als das doppelte, sagt Experte Markus Glasl. Die niedrigen Energiepreise bedeuteten, „dass unter den derzeit herrschenden Bedingungen nur wenige Immobilienbesitzer in die energetische Sanierung ihrer Objekte investieren werden".

Nur rund ein Viertel der Deutschen heizt mit Öl, die Hälfte dagegen mit Gas. Richtig ins Rutschen geraten würde der Sanierungsmarkt also erst, wenn die Gaspreise ebenfalls durchsacken, die seit 2014 im Schnitt erst um wenige Prozentpunkte gesunken sind. Bleibt der Ölpreis niedrig, wird aber auch der Gaspreis ins Rutschen geraten. Schon jetzt drängen Anbieter mit Billigtarifen für Neukunden auf den Markt. Denn an der Energiebörse EEX haben sich die Preise seit 2014 halbiert. Ein Teil des Erdgases wird zudem immer noch an den Ölpreis gebunden gehandelt.

Durch den intensiven Wettbewerb werden auch die angestammten Versorger bald nachziehen müssen und damit auch Bestandskunden in den Genuss günstigerer Preise kommen. Billiges Gas und Öl würden nicht nur die Wirtschaftlichkeit der Wärmewende grundsätzlich in Frage stellen. Sie untergraben auch ein wichtiges Gut: Vertrauen. Denn jahrelang hat man möglichen Neukunden erzählt, der Ölpreis werde immer weiter steigen. Viele ließen sich überzeugen, haben aber mit Sanierung und Heizungserneuerung ein – zumindest für den Augenblick – schlechtes Geschäft gemacht.

Schlandt, Müller-Soares, Kugoth
Keywords:
Wärmewende | Gebäudesanierung | Öl | Gas | Heizung | Ludwig-Fröhler-Institut | Fossile | Energiewende | Erneuerbare
Ressorts:
Governance | Markets

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