Elektromobilität
25.01.2018

Streetscooter-Chef Kampker: „Niemand muss die Heizung abstellen“

Foto: Streetscooter

Macht der vielgelobte E-Transporter der Post bei Kälte schlapp? Geschäftsführer Achim Kampker bestreitet die Vorwürfe zu Winter-Problemen des Streetscooters. Künftiges Wachstum erwartet er sich dank höherer Reichweite.

Das Erfolgsrezept der Post-Tochter Streetscooter war bisher die Einfachheit der Elektro-Fahrzeuge. Die Zusteller benötigten weder 300 Kilometer Reichweite noch eine Klimaanlage, betonte Post-Chef Frank Appel gerne öffentlich. Für das künftige Wachstum setzt Streetscooter jedoch auf Zustellfahrzeuge mit höherer Leistung. Das sei keine Reaktion auf Vorwürfe von Zustellern, die über Reichweiten-Probleme und Pannen im Winter klagten, betont Streetscooter-Firmengründer und Geschäftsführer Achim Kampker im Gespräch mit dem Magazin bizz energy. „Wir haben von langer Hand geplant, dass der nächste Entwicklungsschritt größere Batterien sein werden.“

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Die Zeitung „Die Welt“ hatte von Zustellern berichtet, die darüber klagen, dass der Streetscooter bei winterlichen Temperaturen häufig ausfalle. Außerdem schrumpfe die Reichweite bei eingeschalteter Heizung so sehr, dass es ihre Arbeit behindere. Ein Betriebsrat monierte, die Post habe das Lieferauto unausgereift auf den Markt geworfen. „Die Vorwürfe können wir nicht nachvollziehen“, sagt Kampker. „Niemand muss die Heizung abstellen, insbesondere die Sitzheizung nicht, um genug Reichweite zu haben.“

 

Wohlige Temperatur an Körperrückseite

 

Er sei mit Zustellern und Betriebsräten „in sehr engem Austausch“, habe Post-Standorte besucht und sei Strecken abgefahren. Die von Streetscooter angegebenen 80 Kilometer Reichweite seien bei ordnungsgemäßer Bedienung gegeben, so der Geschäftsführer. Dazu gehöre, beim Verlassen des Fahrzeugs die Zündung nicht angeschaltet zu lassen - sonst könne sich die Batterie entladen. Kampker weist daraufhin, dass dies laut Straßenverkehrsordnung aber ohnehin verboten sei und auch bei konventionellen Fahrzeugen passieren könne. In dem Medienbericht hieß es, die Streetscooter schafften nicht mehr als 70 Kilometer und Fahrer verwendeten die Heizung aus Sorge vor zu hohem Stromverbrauch kaum. 

 

Kampker zufolge muss hingegen kein Zusteller im Winter frieren. Streetscooter habe die Temperatur in den Lieferautos unter Realbedingungen gemessen. Diese hätten ergeben, dass sie in vielen Bereichen sogar leicht über der eines Vergleichsfahrzeuges mit konventionellem Antrieb liege, sagt Kampker. Zusätzliche Wärme spende eine energieeffiziente Sitzheizung. Diese erzeuge „sehr schnell eine wohlige Temperatur an der Körperrückseite“. 

 

Streetscooter als Food-Truck

 

Die neuen Streetscooter-Modelle erreichen 120 statt 80 Kilometer Höchstgeschwindigkeit und haben eine Reichweite von 200 statt 80 Kilometern. Dadurch soll das Lieferauto auch den Anforderungen in der Express-Zustellung der Post mit längeren Strecken sowie beim Drittvertrieb von Handwerkern oder städtischen Betrieben genügen. „Dort liegen die Tagesfahrleistungen häufig bei 100 bis 150 Kilometern“, sagt Kampker. Die neuen Batterien mit einer Leistung von 30 Kilowatt seien teilweise bereits in dem größeren Streetscooter-Modell „Work L“ verbaut. Zusätzlich solle es aber auch Fahrzeuge mit 40 kW-Batterien geben.

 

Die Post will schrittweise ihre gesamte Paket-Zustellflotte von 50.000 Fahrzeugen auf Streetscooter umstellen. Aber auch Drittkunden nutzen ihn bereits – er komme inzwischen auch für die Auslieferung gekühlter Waren, als Food-Truck oder in der Eventbranche als Cocktail-Box zum Einsatz, sagt Kampker. 

 

Batterien von BMW

 

Bei dem an der Hochschule RWTH Aachen entwickelten Fahrzeug sind zum Teil Batteriemodule von BMW verbaut, die auch in dessen i3 zu finden sind. Außerdem setzt die Post-Tochter beim Verkauf an Drittkunden auf die Zusammenarbeit mit der BMW-Tochter Alphabet - es geht um Leasing und einen Werkstattservice. Streetscooter will die Produktionskapazität in diesem Jahr verdoppeln und pro Jahr 10.000 zusätzliche Fahrzeuge bauen. Zusätzlich zum Standort Aachen soll die neue, zweite Produktionsstätte in Düren ihren Betrieb im Frühjahr 2018 aufnehmen. „Wir sind voll im Plan. Sämtliche Um- und Aufbaumaßnahmen laufen“, sagt Kampker.

 

Außerdem wird es den Streetscooter in Zukunft auch mit Brennstoffzellen-Antrieb und einer Reichweite von 500 Kilometern geben. Ein solches Modell sei sowohl interessant für Posteinsätze mit längeren Strecken wie im Express-Geschäft als auch für Firmen, die mehr als 200 bis 250 Kilometer Reichweite benötigten, etwa Energieanbieter. „Wenn man noch mehr Reichweite oder Zuladung braucht, ist es derzeit nicht wirtschaftlich, dies über noch größere Batterien zu machen“, erklärt Kampker. Dies gelte sowohl für den Umweltaspekt als auch für die Zuladung.

 

Bau von Wasserstoff-Tankstellen geplant

 

Deshalb setze Streetscooter bei solchen Anwendungsfällen auf ein „Range-Extender“-Konzept mit Brennstoffzelle. Der Range-Extender verlängert die Reichweite des Elektro-Fahrzeugs, indem eine eingebaute Brennstoffzelle Strom erzeugt, um die Batterie wieder aufzuladen. Erste Prototypen seien gebaut, noch in diesem Jahr soll die Produktion einer Serie von 500 Stück starten. Diese Fahrzeuge würden zunächst nur von der Post verwendet, ein Verkauf an Dritte sei denkbar, so Kampker.

 

Ein Brennstoffzellen-Streetscooter werde zwar teurer als die bisherigen Modelle, rechne sich aber wegen der höheren Reichweite schnell. „Wir haben das Thema Wirtschaftlichkeit klar im Blick“, versichert Kampker. Einen Preis will er aber noch nicht nennen. Beim Aufbau von Brennstoffzellenfahrzeug-Flotten werde sich Streetscooter zudem über eine Partnerschaft mit der Wasserstoff-Initiative H2Mobility am Bau von Wasserstoff-Tankstellen beteiligen.

 

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Jutta Maier
Keywords:
Elektromobilität | Streetscooter | Deutsche Post | Reichweite | Winter | Heizung
Ressorts:
Technology | Markets

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