Onshore-Windenergie
07.09.2017

Siemens Gamesa geht in der Türkei aufs Ganze

Foto: Siemens
Siemens Gamesa soll in der Türkei Windparks mit einer Kapazität von einem Gigawatt bauen (Das Foto zeigt eine Siemens-Anlage in Deutschland).

Der Siemens-Konzern hat vom türkischen Staat den Zuschlag für ein riesiges Windpark-Vorhaben bekommen. Doch das Prestigeprojekt ist wirtschaftlich riskant und politisch belastet.

Die Konkurrenz für den deutsch-spanischen Windkraftanlagenbauer war stark: Enercon, Nordex und Senvion aus Deutschland, Vestas aus Dänemark, General Electric aus den USA, Goldwind und Ming Yang aus China – sie alle schlug Siemens Gamesa in der Ausschreibung für das türkische Windparkprojekt Yeka Anfang August. Gemeinsam mit zwei türkischen Partnern bot das Unternehmen den niedrigsten Preis von 3,48 US-Cent (etwa 3 Euro-Cent) pro Kilowattstunde – und sorgte damit in der Branche für Erstaunen.

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Die Unterhändler des Siemens-Konsortiums fielen während der Auktion durch eine Hartnäckigkeit auf, die viele Beobachter verblüffte: „Sie haben sehr aggressiv geboten und sind mit den 3,48 US-Cent ein hohes Risiko eingegangen“, sagt Brian Gaylord, Windbranchenanalyst des dänischen Beratungsunternehmens Make Consulting, im Gespräch mit bizz energy. „Der Preis ist sehr sehr niedrig.“ Zum Vergleich: Bei der zweiten Onshore-Auktion in Deutschland im Sommer lag der durchschnittliche Zuschlagswert bei 4,78 Euro-Cent pro Kilowattstunde.

 

Knapp kalkuliert

 

Europäische Konkurrenten von Siemens Gamesa in der türkischen Ausschreibung waren bereits deutlich oberhalb von 3,48 US-Cent ausgestiegen – darunter Nordex aus Hamburg, das in der Türkei immerhin die Marktführerschaft zu verteidigen hat. Zuletzt hielt sich nach Informationen aus der Branche neben Siemens Gamesa nur noch Ming Yang aus China im Rennen.

 

Für den Sieger werde es schwierig werden, mit den Yeka-Windparks Geld zu verdienen, glaubt Make-Analyst Gaylord. Denn das Projekt ist nicht nur knapp kalkuliert, es ist auch komplex: Das Konsortium muss nämlich auch eine Produktion von Maschinenhäusern für Windkraftanlagen und ein Forschungs- und Entwicklungszentrum aufbauen. 65 Prozent der Wertschöpfung müssen in der Türkei stattfinden.

 

Siemens hofft auf weitere Aufträge

 

Siemens-Gamesa-Sprecher Bernd Eilitz betont auf Anfrage von bizz energy, das Vorhaben biete eine langfristige strategische Perspektive auf einem für den Konzern wichtigen Onshore-Markt. Man habe schon vor Yeka bei anderen Projekten in der Türkei Aufträge für 292 Anlagen erhalten und hoffe auf weitere Zuschläge.

 

Mit einem Volumen von einer Milliarde US-Dollar ist der Yeka-Auftrag einer der größten in der Windkraft-Historie des Siemens-Konzerns. Siemens Gamesa soll gemeinsam mit seinen beiden türkischen Partnern Kalyon und Türkerler Windparks mit einer Gesamtleistung von einem Gigawatt in fünf Regionen errichten.

 

Gute Kontakte zum Staatschef

 

Der Bau- und Energiekonzern Kalyon verlässt sich dabei auf gute Windwerte in den vorgesehenen Gebieten und auf seinen Partner Siemens. Das betont Murtaza Ata, Chef der Energie-Sparte der Kalyon-Gruppe, in einer schriftlichen Antwort auf Anfrage von bizz energy.  „Siemens hat sich verpflichtet, Windkraftanlagen mit seiner neuesten Technologie zu liefern, die das Windpotenzial an den Projektorten sehr effizient nutzen.“ Außerdem habe der deutsche Konzern langfristigen Instandhaltungs-Service zu einem sehr wettbewerbsfähigen Preis zugesagt.

 

Mit Kalyon tut sich Siemens mit einem besonderen Partner zusammen. Zwar waren alle internationalen Bewerber bei der Yeka-Ausschreibung gemeinsam mit lokalen Unternehmen angetreten, aber wohl keiner mit einem so gut vernetzten: Kalyons Eigentümerfamilie Kalyoncu ist türkischen Medienberichten zufolge befreundet mit der Familie des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und hat in der Vergangenheit hochlukrative Staatsaufträge erhalten – unter anderem beim Bau des dritten Istanbuler Flughafens.

 

Erdoğans Schwiegersohn

 

Kalyon war nach einem Bericht der britischen BBC außerdem für den Bau eines Einkaufszentrums auf dem Gelände des Gezi Parks in Istanbul vorgesehen. Erdoğans Plan, den Baumbestand des Parks der Shopping Mall zu opfern, hatte 2013 heftige Proteste und harte Gegenmaßnahmen der Polizei ausgelöst, bei denen mehrere Demonstranten getötet wurden. Momentan liegt das Projekt auf Eis.

 

Der Istanbuler Baukonzern steht beim türkischen Machthaber Erdoğan in der ersten Reihe. Im Jahr 2013 suchte die damals vom Erdoğan-Schwiegersohn und heutigen Energieminister und Yeka-Verantwortlichen Berat Albayrak geleitete Unternehmensgruppe Calik Holding einen Käufer für ihre Mediengruppe Turkuvaz. Zu dieser gehören unter anderem die prominente Tageszeitung Sabah und der Fernsehsender ATV. Nach Angaben der Oppositionspartei CHP und der Denkfabrik Rethink Institute in Washington half die Kalyon-Gruppe Erdoğan, seinen Einfluss auf Turkuvaz zu sichern, indem sie das Medienunternehmen kaufte. Demnach bildete Kalyon mit anderen Unternehmen, die große staatliche Infrastrukturaufträge erhalten hatten, auf Drängen der türkischen Führung einen mehrere hundert Millionen Dollar starken Finanzpool zur Übernahme von Turkuvaz.

 

Zerrüttetes Verhältnis

 

Der frühere Turkuvaz-Aufseher und heutige Energieminister Albayrak hat den Zuschlag für das Siemens-Konsortium „als wichtigen Beitrag“ zu den türkisch-deutschen Beziehungen bezeichnet, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

 

Doch das Verhältnis zwischen Berlin und Ankara ist zerrüttet: Erdoğan und türkische Minister überziehen deutsche Politiker mit Schmähungen, türkische Behörden halten mehrere deutsche Staatsbürger unter Vorwürfen von Propaganda für Terrororganisationen über Unterstützung für Putschisten bis zu Spionage gefangen. Die Bundesregierung kontert verbal. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel riet kürzlich von Reisen in die Türkei ab und drohte mit einer Deckelung von Hermes-Bürgschaften für Projekte in der Türkei. Mit solchen Bundesbürgschaften können deutsche Unternehmen ihr finanzielles Risiko bei Auslandsvorhaben mindern.

 

Lob für Siemens, Tadel für die Bundesregierung

 

Medien der Turkuvaz-Gruppe stimmen unterdessen in die Kritik Ankaras an der Bundesregierung ein. Die Zeitung Sabah, die sich – teils deutschsprachig – auch an Türken in Deutschland richtet, wertet den Zuschlag für Siemens Gamesa als Beleg dafür, dass deutsche Unternehmen sich von ihrer Regierung nicht verunsichern lassen: Diese habe versucht, „wirtschaftliche Spannungen“ mit der Türkei zu erzeugen. Siemens beweise aber, dass sie damit gescheitert sei.

 

Siemens Gamesa will sich auf Anfrage von bizz energy nicht zu seinem Partner Kalyon äußern und verweist darauf, dass der Vertrag für Yeka noch nicht offiziell unterzeichnet ist. Ebenfalls keine Antwort gibt der Windkraftanlagenbauer auf die Frage, ob das Konsortium für Yeka deutsche Hermes-Bürgschaften beantragen will, die sein Risiko bei einem Scheitern senken würden. Kazim Türker, der Chef des dritten Konsortialpartners Türkerler Holding, ist auskunftsfreudiger: „Wir planen, den Hermes-Kredit zu nutzen, wird er in einem Bericht der Turkuvaz-Zeitung Sabah zitiert.

 

Sparzwänge in der Windkraftssparte

 

Risikobegrenzung käme Siemens Gamesa zupass: Die im Frühjahr aus der Windkraftsparte des Münchener Konzerns und der spanischen Gamesa verschmolzenen Siemens-Tochter mit insgesamt 27.000 Mitarbeitern machte zuletzt bei Neuaufträgen und Gewinn keine gute Figur. Sie soll binnen drei Jahren 230 Millionen Euro einsparen – los geht es mit dem Abbau von 600 Stellen in Dänemark. In dieser Lage verzichtet man ungern auf ein Leuchtturm-Projekt wie Yeka.

Christian Schaudwet
Keywords:
Siemens | Gamesa | Türkei | Windenergie | Onshore | Recep Tayyip Erdogan
Ressorts:
Governance | Markets

Kommentare

Siemens erringt mit diesem Grossauftrag "einen Quantensprung" in der Türkei.Sie ist auch in der türkischen Industrie sehr stark vertreten. Hauptziel von Siemens vermute ich, in der Türkei die Windanlagen günstiger zu herstellen und in der Region mit besseren Angeboten das Geschäftsfeld immer mehr zu erobern.

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