Politik im Ländle
30.06.2016

Schwäbische Erotik

Fotos: Wikipedia
Grünen-Politiker Winfried Kretschmann freut sich über das Wahlergebnis.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Innenminister Thomas Strobl führen im Ländle die erste grün-schwarze Koalition. Zum Zankapfel könnte die Energiepolitik werden.

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Der erlösende Satz beim traditionellen Spargelessen in der Berliner Vertretung des Landes Baden-Württemberg kam vom Grünen-Politiker Volker Ratzmann,  der künftig die bundespolitischen Geschäfte der Stuttgarter Regierung als Vertrauter von Ministerpräsident Winfried Kretschmann organisieren wird. Auch in Zukunft, witzelte  Ratzmann in seiner Ansprache Anfang Mai, „wird kein grüner Spargel serviert – er bleibt weiß“. Diese gastronomische Botschaft brachte ihm den Beifall des Publikums.

Für den Musikkabarettisten Lars Reichow, der danach seinen Auftritt hatte, ist die neue grün-schwarze Regierung in Baden-Württemberg ein „exemplarischer Fall von schwäbischer Erotik“. Er zitierte den stellvertretenden Ministerpräsidenten Thomas Strobl (CDU) mit den Worten: „Wir haben uns nicht gesucht, aber wir haben uns gefunden.“ So kämen, säuselte Reichow, „in Baden-Württemberg bekanntlich viele Ehen zustande“.

Schwarz-Grün in Stuttgart: An diese Novität muss man sich erst noch gewöhnen. Dabei hat das Bündnis gerade im Südwesten eine lange, anekdotenreiche Vorgeschichte. Der verstorbene Ministerpräsident Lothar Späth hatte 1979 ein ganzes Monatsgehalt darauf verwettet, er werde die Grünen ruckzuck mittels eigener grüner Politik wieder aus dem Stuttgarter Landtag verschwinden lassen. Diese Wette hat das „Cleverle“ verloren.  Die Grünen sind geblieben und jetzt mit 30,3 Prozent im Landtag sogar stärker als die CDU (27,0 Prozent) geworden. Und der grüne Ministerpräsident Kretschmann dreht schon seine zweite Runde auf Späths Regierungsstuhl.

 

Frühe Flirtversuche

Immerhin dachten Badener und Schwaben schon an eine schwarz-grüne Koalitionsehe, als andere die Grünen noch für Bürgerschrecke hielten, die mit Turnschuhen und verfilzten Bärten die deutschen Parlamente zu verschandeln drohten. Schon vor zehn Jahren flirtete der damalige CDU-Ministerpräsident und heutige EU-Kommissar Günther Oettinger mit der grünen Anti-Atomkraft-Partei – obwohl er selbst als Freund der Kernenergie galt. Oettinger erklärte, man streite lieber in der Sache mit den Grünen als sich mit der FDP über Posten zu fetzen. Das kühne politische Experiment scheiterte am damaligen CDU-Fraktionschef Stefan Mappus, der es ablehnte, „die Farbe zu wechseln.“ 

Dieser frühe Koalitionsversuch Oettingers hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Zustandekommen von Grün-Schwarz im Mai 2016. Und es gab dieser Tage ein bemerkenswertes Nachspiel zwischen Oettinger und dem  CDU-Landesvizechef Winfried Mack, einem Anhänger des Wahlverlierers und künftigen Justizministers Guido Wolf. Als Mack vor Beginn der Stuttgarter Bündnisgespräche ein Positionspapier verbreitete, in dem er die CDU aufforderte, knallhart die Führungsposition in einer grün-schwarzen Koalition zu beanspruchen, watschte Oettinger den Parteifreund öffentlich ab: „Wer sich selbst verwirklichen will, ist in der Politik falsch. Dann muss man sich einen Kleingarten pachten und Radieschen pflanzen. Das kann auch Herr Mack tun.“

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Keywords:
Grün-Schwarz | Baden-Württemberg | Energiepolitik | Klimapolitik | Windkraft | Erneuerbare | Windfried Kretschmann
Ressorts:
Governance

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