Solarworld
12.05.2017

Pleite mit Ansage

Foto: Solarworld
Vorstandschef Frank Asbeck

Der Konzern hat die enormen Risiken keineswegs verschwiegen – aber hinter Frank Asbecks Rhetorik versteckt.

Der letzte große deutsche Solarkonzern Solarworld ist pleite. Am Mittwoch gab das von Frank Asbeck geführte Unternehmen bekannt, die Zahlungsunfähigkeit anzumelden. Ein Großteil der Berichterstattung fokusiert sich jetzt auf den Niedergang der Solarbranche. Doch das ist ein alter Hut. Schon seit Jahren spielt die Modulfertigung in Deutschland kaum noch eine Rolle. Auch der Absatzmarkt ist eingebrochen. Deutschland lag 2006 mit 1,5 Gigawatt neu installierter Leistung nur noch auf Platz sechs weltweit. Allein in den USA und China zusammen gingen dagegen rund 50 Gigawatt ans Netz. Selbst Solarworld hatte sowohl Absatz als auch Produktion längst in großen Teilen in die USA verlagert.

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Hochaktuell ist dagegen eine andere Frage: Warum ist Solarworld ausgerechnet jetzt pleitegegangen? Die Anleger hatten damit jedenfalls nicht gerechnet. Der bereits niedrige Aktienkurs stürzte am Donnerstagmorgen um mehr als drei Viertel des Wertes auf deutlich unter einen Euro.
Viele Details werden erst in den kommenden Wochen und Monaten bekannt. Doch schon die äußerst kurze Ad-Hoc-Mitteilung des Konzerns deutet klar auf den Insolvenz-Grund: Der Vorstand, so der Konzern wörtlich, sei zu dem Schluss gelangt, „dass im Zuge des aktuellen Geschäftsverlaufs und der weiter voranschreitenden Preisverwerfungen keine positive Fortbestehensprognose mehr besteht, die Gesellschaft damit überschuldet ist und somit eine Insolvenzantragspflicht besteht“.

Mehr als nur ein Engpass

Solarworld mache damit deutlich, dass es anders als bei vielen Insolvenzen nicht um einen akuten Liquiditätsengpass geht, sondern ein grundsätzliches Solvenzproblem Auslöser der Pleite ist, sagt Roland Klose von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Zwei Probleme, die Solarworld plagten, stechen als mögliche Gründe ins Auge. Zum einen hatte der Konzern den beschleunigten Preisverfall bei Solarmodulen ab dem Sommer vergangenen Jahres nicht vorhergesehen. Alle Prognosen zur Geschäftsentwicklung wurden dadurch hinfällig, wie eine Investorenpräsentation aus dem Frühjahr zeigt. Eigenkapital und Barmittel schmolzen in hohem Tempo dahin.

Dass das eine lebensbedrohliche Situation für Solarworld hervorrief, verschleierte der Konzern keinesfalls. Beleg dafür ist vor allem der sogenannte Risikobericht, der zusammen mit dem Jahresabschluss 2016 Ende März dieses Jahres veröffentlicht wurde. Darin heißt es wörtlich: „Aufgrund von steigenden Kapazitäten in der Solarindustrie hält der Wettbewerbsdruck weiter an, was zu einem erneuten starken Rückgang der Absatzpreise führen könnte.“ Das Eintrittsrisiko dieses Szenarios wird als „hoch“ bewertet, ebenso wie die Auswirkung auf den Konzern. Auch eine sich selbst beschleunigende Abwärtsspirale beschrieb Solarworld in der Risiko-Bewertung. So sei folgendes „hoch wahrscheinlich“: „Aufgrund des steigenden Preisdrucks in der Solarindustrie und des noch nicht erfolgten Turnarounds des Solarworld-Konzerns könnten manche Lieferanten die Kreditlimits und Zahlungsziele des Konzerns reduzieren beziehungsweise nur noch gegen Vorkasse oder Garantien liefern.“ Die Folge: Ausgerechnet dann, wenn es ohnehin schon schlecht läuft, reduziert sich die Liquidität weiter, der Absturz wird beschleunigt.

Es sieht also aus, als ob der Solarworld-Vorstand unter Frank Asbeck angesichts der weiter fallenden Preise den Konzern kurz vor der Veröffentlichung der Zahlen zum ersten Quartal tatsächlich in einer nicht mehr aufzuhaltenden Abwärtsentwicklung gesehen hat.
Es bleiben aber auch Fragezeichen. Solarworld hat die möglichen Auswirkungen des Rechtsstreits mit dem US-Silizium-Lieferanten Hemlock, der rund 800 Millionen Dollar eintreiben möchte, stets kleingeredet. Auch im Risikobericht heißt es, die Wahrscheinlichkeit, dass Forderungen geltend gemacht werden könnten, sei „gering“, weil die Amerikaner am europäischen Recht scheitern würden. Wären Solarworld oder die Buchprüfer zu der Einschätzung gekommen, dass das doch nicht so ganz unwahrscheinlich ist, hätten bilanzielle Rückstellungen gebildet werden müssen. Dazu war Solarworld aber kaum noch in der Lage.

Absteiger des Monats

Letztlich wird die Frage, ob Asbeck und die anderen Solarworld-Manager ein sauberes Spiel gespielt haben, erst der Insolvenzverwalter gut einschätzen können. Die Aktionäre und Schuldner müssen sich die Frage stellen, ob sie die durchaus gut sichtbaren Alarmzeichen nicht ernst genug genommen haben. bizz energy kürte Asbeck aufgrund der miserablen Entwicklung und des damit verbundenen Stellenabbaus bereits in seiner März-Ausgabe zum „Absteiger des Monats“. Einige Anleger haben sich womöglich von Asbecks Rhetorik, der kürzlich noch von einem „Jahr des Übergangs, in dem wir die Grundlage für zukünftiges Wachstum legen werden“, gesprochen. In der Bilanz waren die Stolpersteine aber längst unübersehbar und wurden vom Konzern auch korrekt als massive Risiken klassifiziert.

Bitter ist, dass die Pleite auch die vielen treuen Kunden treffen wird, die auf ein deutsches Produkt und damit auf Qualität und scheinbare Verlässlichkeit gesetzt haben. Die Qualitäts- und Leistungsgarantie für Module, die Solarworld noch vor kurzem von 10 auf 20 Jahre erhöht hatte, ist wohl durch die Insolvenz wertlos geworden, es sei denn, die Sanierung des Unternehmens gelingt. Angesichts des enormen Schuldenbergs ist das aber unwahrscheinlich. Vielmehr läuft es wohl auf einen Ausverkauf der Assets als wahrscheinlichste Entwicklung hinaus – und als Käufer kommen hauptsächlich die großen Fernost-Solarkonzerne in Frage. Es wäre das bitterste Szenario für Asbeck: Ausgerechnet die Asiaten, deren aggressive Preispolitik er jahrelang mit enormem Aufwand auf EU-Ebene und in den USA bekämpfte, hätten sich dann die zerfledderten Reste seines Sonnenimperiums einverleibt.

Jakob Schlandt
Keywords:
Solarworld | Insolvenz | Solarindustrie
Ressorts:
Finance | Markets | Community

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