CO2-Speicherung
28.09.2016

Klimaschutz: Wissenschaftler fordern CCS

Foto: rclassenlayouts/istockphoto.com
Klimaschutz: Der Ausbau von Grünstromanlagen allein reicht nicht, sagen Wissenschaftler. Und plädieren für die zusätzliche Abscheidung und unterirdische Speicherung von CO2.

Die Technik könnte eine Renaissance erleben – obwohl sie in Deutschland vor einigen Jahren auf heftigen Widerstand der Bevölkerung stieß und vorerst in der Versenkung verschwand.

Ohne die umstrittene Abscheidung und unterirdische Speicherung von klimaschädlichem Kohlendioxid können die in Paris vereinbarten Klimaziele nicht erreicht werden. Davon sind zumindest Klimaforscher überzeugt.  „Es gibt kein wissenschaftliches Modell, in dem die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden kann, ohne dass dabei die unterirdische Speicherung von CO2 zum Einsatz kommt“, sagt Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn.

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Diese Einschätzung teilt auch Klimaökonom Gernot Klepper vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert: „Im Sinne des Klimaschutzes müssen wir uns von internen Denkverboten verabschieden.“ bizz energy hat beide Wissenschaftler diese Woche bei einer Vorbereitungskonferenz zur 22. Klimakonferenz in Marrakesch im Auswärtigen Amt getroffen.

Von der Politik werden die Forderungen der Wissenschaftler offenbar durchaus gehört. Offenbar hat Bundesumweltministern Barbara Hendricks (SPD) die Technologie noch nicht ganz ad acta gelegt. Im aktuellen Entwurf des Klimaschutzplanes 2050 heißt es nämlich: Nicht anders vermeidbare Emissionen aus der Industrie, seien „gegebenenfalls langfristig geologisch zu speichern“ und die „mögliche Rolle“ von CCS zu prüfen.

 

Tabu-Thema in Deutschland

Das dürfte allerdings ein schwieriges Unterfangen werden. Proteste sind in Deutschland mit Blick auf Carbon Capture and Storage (CCS) weit verbreitet, vor allem in dem Bundesland, in dem das Institut für Wirtschaftsforschung seinen Sitz hat: Schleswig-Holstein. Vor knapp fünf Jahren legte sich der Kieler Landtag als erstes Bundesland auf ein Verbot der Technik fest. Damit reagierte die Landesregierung auf den heftigen Widerstand der Bevölkerung. Umweltschützer demonstrierten damals mit einer symbolischen CO2-Bombe gegen die Verpressung und Speicherung von CO2 im Boden.

Sie verglichen die Technik mit der Endlagersuche für Atommüll, Greenpeace warnte vor hohen „ökologischen und wirtschaftlichen Altlasten“ für die nachfolgende Generation. Auch der Kieler Meeresforscher Mojib Latif warnt vor der Technik, die schon bei der Atomkraft und dem dort produzierten radioaktiven Abfall nicht funktioniert habe und „auch beim Kohlendioxid mittels CCS nicht funktionieren“ werde.

Andere Landesregierungen folgten dem Kieler Verbot. Die Versorger RWE,  Vattenfall und Eon gaben daraufhin ihre Pilotprojekte auf, ihre Pläne verschwanden in der Schublade. Damit wurde die neue Klimaschutztechnologie vollständig begraben, es war das Aus für CCS.

Bis jetzt. Denn wenn es im November auf der Weltklimakonferenz in Marrakesch um die Umsetzung des Pariser Abkommens geht, dürfte die Technologie wieder auf den Tisch kommen. Ohne CCS kann das von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in Paris vorangetriebene Klimaziel von 1,5 Grad nicht erreicht werden.

 

CO2-Budget schrumpft

Im Weltklimaabkommen hat sich die Weltgemeinschaft im Dezember vergangenen Jahres verpflichtet, den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase bis Mitte des Jahrhunderts auf praktisch Null zu senken. Soll das Ziel eingehalten werden, steht den Staaten nur noch ein begrenztes Budget an Klimagasen zur Verfügung. Wenn alles weiter läuft wie bisher, ist dieses Budget von etwa 200 Gigatonnen laut aktuellen Studien des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) schon Anfang der 2020er-Jahre aufgebraucht, also sehr bald.

Ottmar Edenhofer, Chefökonom und stellvertretender Direktor des PIK, macht sich deshalb ebenfalls für CCS stark. Dafür müsse allerdings der CO2-Preis hoch genug sein, sagte er schon 2014 im Interview mit bizz energy. „Dann würde sich Techniken wie Carbon Capture and Storage (CCS) lohnen.“ Zwar sei das Thema in Europa vorerst vom Tisch, „aber in China und Indien noch lange nicht tot. Dann könnte man Kohle temporär nutzen, ohne mit dem Klimaschutz in Konflikt zu geraten.“ 

Jana Kugoth
Keywords:
CCS | Klimaschutz | CO2-Preis | 1 | 5-Grad-Ziel | Pariser Klimaabkommen | Marrakesch | Dirk Messner | Gernot Klepper
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

Kommentare

Auch schlaue Leute rden dummes Zeug. Risikotechnik statt Sparen soll die Kohle retten für die Kohletechnologiekonzerne? Und wieder das Argument "Geld", dabei ist Sparen (fast) kostenlos. Und Sparen geht auch jetzt und nicht erst dann.

Ottmar Edenhofer, Chefökonom des PIK, kann offenbar nicht gut rechnen. Ich habe bereits 2013 bei Energy Post in dem Beitrag "CCS: why the high hopes cannot be fulfilled" (www.energypost.eu/ccs-a-pipedream-of-policymakers/) dargelegt, wie der wirksame Einsatz dieser Technologie den Bau oder die Nachrüstung eines weiteren Kraftwerks irgendwo auf der Welt alle zwei Tage über die kommenden 18 Jahre erfordern würde. Inzwischen ist dieser Umsetzungszeitraum auf nur noch 15 Jahre geschrumpft. Die weltweit bislang einzige großtechnische CCS-Anlage in Kemper County, Mississippi USA, stellt ein Investitionsvolumen in der Größenordnung des neuen Berliner Flughafens BER dar, wobei der dort erreichte CO2-Abscheidungsgrad bei lediglich 65% liegt. Das damit gewonnene Kohledioxid wird anschließend zur Steigerung der regionalen Erdölproduktion eingesetzt, was in der Summe keine nennenswerte Klimaentlastungswirkung mehr entfalten kann. Ich habe zudem als Sachverständiger im Bundestag und in zwei Landtagen aufgezeigt, welchen ernorm hohen Energie- und Wasserverbrauch diese Technik aufweist (www.volksmeter.de/Abhandlungen/Michel-CO2Speicherungsgesetz07032013.pdf). Selbst im Falle einer erfolgreichen Umsetzung an allen dafür in Frage kommenden Kohlekraftwerken wären jedoch erst 19% der globalen Treibhausgasemissionen erfasst, die bis 2030 vermieden werden müssten.

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