Blog von Robert Doelling
17.01.2013

Nimby ist heilbar

Foto: www.kein-co2-endlager.de

Die allermeisten Deutschen wollen eine lebenswerte Zukunft und befürworten die Energiewende. Doch wenn ein Windrad oder ein Strommast in Sichtweite aufgestellt werden soll, dann verwandelt sich eine Zukunftsvision schnell in ein Hirngespinst. Dieses nennt man dann das „not in my backyard-Syndrom“ (Nimby).

Eigentlich gibt es Nimby schon sehr lange. Man erinnere sich nur an die Wiederansiedelung der Wölfe in den neuen Ländern, denen auch zunächst mittelalterliche Unterstellungen nachgesagt wurden. Der Begriff „Nimby“ in Bezug auf die Energieversorgung wurde allerdings erst im Jahre 2006 von Richman and Boerner geprägt. Demnach ist Nimby ein „socially desirable land use that broadly distributes benefits yet is difficult or impossible to implement because of local opposition“. 

Anzeige*

Für mich ist Nimby allerdings nicht das begrüßenswerte Engagement von Bürgerinitiativen, die sich gegen großmännische Pläne ohne Berücksichtigung individueller Belange zur Wehr setzen. So etwas ist wünschenswerte, aktiv gelebte Demokratie, in der sich Bürger und Bürgerinnen einsetzen, um bessere Lösungen zu finden als am Reißbrett gezeichnete Stromtrassen, die rein aus wirtschaftlichem Kalkül schnurstracks quer durch Deutschland geführt werden und á la „friss Vogel oder stirb“ von den Energiekonzernen den Bürgern verkauft werden sollen. Für mich ist Nimby eher das Finden hanebüchener Totschlagsargumente, die jeweils der einen oder anderen Partei zum Vorteil gereichen.

Hirnschädigende Wellen

Neben dem Stromnetzausbau, der, wenngleich notwendig, bisher nur wenig zufriedenstellend mit den betroffenen Bürgern im gleichberechtigten Dialog diskutiert wird, gibt es zahlreiche, ulkige Beispiele wie Erneuerbare Energien mies gemacht wurden. Das prominenteste Beispiel ist wohl die Windkraft, die bereits ab Mitte der neunziger Jahre in einigen Gemeinden heiß diskutiert wurde. Auch hier möchte ich vorab betonen, dass es mir nicht darum geht, die Ärgernisse von im Schlagschatten von Windrädern lebenden Familien als nichtig abzutun, sondern noch einmal aufzuzählen, was für unberechtigte Ängste geschürt wurden. Und bei der Windkraft waren es schon einige. So berichtete „Die Zeit“ vor Kurzem über die Schwäbische Alb in Baden-Württemberg.

Ein Land, das zu den Schlusslichtern der Windenergienutzung in Deutschland zählt. Nachvollziehbar, wenn man die Polemik der Politiker noch einmal in der Rückschau betrachtet. Damals ging es um vier Windräder mit einer Höhe von 85 Metern. Diesen wurde dann nachgesagt, sie würden hirnschädigende Wellen aussenden, Pfeiftöne von sich geben und Öl in die Umwelt versickern lassen. Erst nachdem sich der politische Wind gedreht und sich auch die Pacht- und Steuereinnahmen deutlich erhöht hatten, kommt nun Bewegung und Zuspruch in die Sache. Jetzt geht es allerdings um 26 Windräder mit fast 200 Metern Höhe.

Der Höllenschlund

Beim nächsten Nimby-Ausbruch wird es unterirdisch. Und das im doppelten Wortsinn. Es geht um die Tiefe Geothermie. Auch hier sei vorab gesagt, dass es Negativbeispiele gibt wie das Erdbeben in Basel, das berechtigterweise zum Abbruch des Projekts führte und heute ein neues, wesentlich aufwändigeres Projektmanagement erforderlich macht. Zu Recht.

Doch was auf den Internetseiten der Bürgerinitiative Alternative Energiequellen (auf die Nennung der URL wird mit Rücksicht auf die Leser verzichtet) zu lesen ist, kann schon als schwerwiegender Nimby-Befall deklariert werden. Da wird von Raubbau gesprochen, Geothermie ist keine Erneuerbare Energiequelle und bei der Benutzung der Tiefen Geothermie entstehen größere Mengen an radioaktiv belasteten Abfällen, die sogar noch schlimmer als das Cäsium 137 aus der Tschernobyl-Katastrophe seien. Richtig lustig wird’s dann in der Vereinszeitung „Der Höllenschlund“. Da geht’s dann um Wertverlust der Immobilien, um Grundwasserverschmutzung, um gefährdete Tier- und Pflanzenarten, um Explosionsgefahr, um Klüngelei mit dem Gemeinderat usw.

Chronischer Botulismus

Und natürlich fehlt auch noch der Biogas-Nimby. Dieser ist allerdings gar nicht so irrsinnig wie die vorgenannten Varianten. Denn durch schlechte Logistik oder auch mangelnde Technik kam und kommt es vereinzelt zu Belastungen der Anwohner oder auch der Umwelt. Der Biogas-Nimby besticht eher durch die Vielzahl an negativen Auswirkungen und deren Aneinanderreihung: Chronischer Botulismus von Wildtieren, Hunden und Katzen durch tödliche Bakterien in Gärresten, tieffrequenter Infraschall, der Ohrendruck, Unsicherheits- und Angstgefühle und eine Herabsetzung der Atemfrequenz bewirken kann, EHEC-Infektionen durch wiederum Keime in Gärresten, Arbeitslosigkeit, da die Pachtpreise durch die Flächenkonkurrenz steigen, viele Landwirte diese nicht mehr bezahlen können, Lebensmittel dadurch teurer werden und die Lebensmittelproduktion dann ins Ausland verlagert wird, Explosionsgefahr von Biogasanlagen mit immensen Sachschäden in der Umgebung und sogar Toten, Überschwemmung des Ortes mit riesigen Mengen stinkender Fäkalien durch ein Leck des Gärbehälters usw. Nachzulesen bei der Bürgerinitiative „Nein zum geplanten Standort der Biogasanlage in Melzdorf“.

Redet miteinander!

Beispiele für Nimby gibt es noch viele weitere. Fairerweise muss man jedoch sagen, dass die meisten Beispiele aber nur den Lernprozess der »Betroffenen« widerspiegeln und eher aus dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber Großmannsplänen heraus und überwiegend ohne wirklich verwerflichen Vorsatz entstehen. Daher ist auch das Gegenmittel Nummer 1, die aufrichtige Kommunikation der Projektentwickler und Investoren. Was habt Ihr mit uns vor? Gibt es Risiken? Seid aufrichtig mit uns, denn das ist unser Land und unsere Familien leben hier noch wesentlich länger als eure Businesspläne reichen. Ein Paradebeispiel für eine solche Kommunikation ist das eigens für das Geothermieprojekt in Groß-Gerau geschaffene Informationszentrum, in dem man sich informieren und austauschen und auch persönlich Ansprechpartner des Projekts auf Wunsch treffen kann.

Das Gegenmittel Nummer 2 ist, so schnöde dies klingen mag, das liebe Geld. Nicht umsonst sprießen Bürgerenergiegenossenschaften wie Pilze aus dem Boden. Es herrscht Mitspracherecht, die Rendite verbleibt zu einem Großteil in der Region und vielfach sorgen Bestimmungen dafür, dass auch lokale Betriebe dauerhaft Aufträge erhalten. Nimby ist also vielfach nur ein Ausdruck eines Integrationsproblems mündiger, williger Bürger, die viel zu oft vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Bis auf einige Ausnahmen. Aber auch die sind heilbar.

Robert Doelling
Robert Doelling
 

Robert Doelling leitet die Social Media-Aktivitäten bei der Deutschen Auftragsagentur DAA GmbH in Hamburg und betreut unter anderem die Portale www.solaranlagen-portal.com, www.heizungsfinder.de und das internationale Portal www.solarcontact.com. Privat schreibt Robert Doelling für die Webseite www.energie-experten.org und engagiert sich als Energieblogger für eine dezentrale und nachhaltige Energiewende.

Der Artikel erschien erstmals im Blogger-Magazin Energiefacetten.

 

 

Robert Doelling
Keywords:
Nimby | Windenergie | Biogasanlagen | Solarenergie | Blogger | CO2-Endlager
Ressorts:
Community

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy April 2017

Die neue bizz energy gibt es ab sofort am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de.

 
 

bizz energy Research

Individuell zugeschnittene Studien
und differenzierte Analysen sowie
kurze Reports


Aktuelle Angebote:
» Zur Ausschreibungssimulation
» Zum Kostenbenchmarking Wind Onshore
» Informationen zur Studie "Solarenergie in Chile"



MEHR INFORMATIONEN HIER

Film ab! Energiewende in 25 Sek.
Was würde Goethe
zur Energiewende sagen?

Mit dieser Frage startet bizz energy einen Aufruf, originelle Kurzvideos zu
aktuellen Themen der Energiewende zu drehen.

MEHR INFORMATIONEN HIER

 
 

bizz energy Veranstaltungen