Marktdesign
14.07.2016

Neuer Umsturz bei Erneuerbaren

Foto: Geraint Roberts
Solarparks sollen bald mit Windparks konkurrieren
Update

Gerade erst hat der Bund die Ökostrom-Förderung umgekrempelt, da kündigt sich die nächste Großreform an. Wind, Solar und Bioenergie sollen untereinander in Wettbewerb treten.

 

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Es klingt erstmal nach Harmonie: „Gemeinsame Ausschreibungen für Windenergieanlagen an Land und Solaranlagen“ ist die Überschrift eines Paragrafen, der kurz vor der Verabschiedung am vergangenen Freitag seinen Weg in das Erneuerbare-Energien-Gesetz gefunden hat. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Reform, die alle Energieträger außer Windparks an Land weitgehend ins Abseits befördern, den Verbrauchern aber auch günstigeren Strom bescheren könnte.

Auf Druck der EU-Kommission lässt das Bundeswirtschaftsministerium von 2018 bis 2020 Ökostromanlagen mit jeweils 400 Megawatt ausschreiben. Das Revolutionäre daran: Wind- und Solarenergie treten erstmals gegeneinander an. Für das Gros des Zubaus führt die Bundesregierung dagegen ab 2017 technologiespezifische Ausschreibungen ein. Schon dieser Schritt bedeutet einen Systemwechsel: Nicht mehr die Bundestagsabgeordneten legen die Höhe der Förderung fest, stattdessen gibt es feste Kontingente und den Zuschlag erhalten die Investoren mit den niedrigsten Geboten.

 

EU fordert technologieneutrale Ausschreibungen

Den Wettbewerbshütern aus Brüssel geht diese Reform aber noch nicht weit genug. Schon vor zwei Jahren machte die Kommission in ihren Beihilfeleitlinien strenge Auflagen für die weitere Förderung erneuerbarer Energien. Eigentlich hätten schon ab 2017 nicht nur beispielsweise Windenergie-Investoren untereinander in Wettbewerb treten sollen, sondern auch die erneuerbaren Energien gegeneinander – technologieneutrale Ausschreibungen heißt dieses Prinzip im Fachjargon.

Die Bundesregierung muss das EEG noch in Brüssel genehmigen lassen und schrieb deshalb zumindest die Pilotausschreibung für Wind und Solar ins Gesetz. Von anderen Technologien wie der Bioenergie ist erst gar nicht die Rede. Es ist zu absehbar, dass sie gegen die günstigste Erzeugungsform eh keine Chance haben. „Die 400 Megawatt kommen alle als Windenergieanlagen an die Küste“, ist Carsten Pfeiffer vom Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) überzeugt.

 

„Der Bund unterwirft sich der Brüsseler Doktrin“

An guten Standorten könnten Windmüller Strom für 5,5 bis 6 Cent pro Kilowattstunde produzieren, Solarparks auf Freiflächen lägen dagegen zurzeit bei etwa 7 Cent, bestätigt Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft. Mitte des nächsten Jahrzehnts könne sich das Verhältnis zeitweise umkehren, prognostiziert der Verbandschef, doch er wettert mit deutlichen Worten gegen technologieneutrale Ausschreibungen.

„Die Bundesregierung unterwirft sich viel zu stark der Brüsseler Doktrin“, ärgert sich Körnig. Der Energiemix sei Sache der Mitgliedsstaaten.

 

Günstigster Erzeugungsmix begrenzt Solarenergie

Der Preis für die Erzeugung sei als alleiniges Merkmal nicht sinnvoll, findet der Solarlobbyist. Mit einem Mix aus Sonnen- und Windenergie würden weniger Speicher und Stromleitungen nötig. Tatsächlich liefern Windparks vor allem im Winter Strom und Solaranlagen im Sommer und gleichen sich so in gewissem Maße aus. Doch der positive Effekt für das Stromsystem ist nicht konstant. Das Windjahr 2011 folgte beispielsweise nicht dem üblichen Muster, analysiert die Forschungsstelle für Energiewirtschaft.

Für die Verbraucher wäre eine Konzentration auf die Windenergie auch dann kostengünstiger, wenn man die Kosten für den Ausbau des Stromnetzes einbezieht. Das geht aus einer Studie der Agora Energiewende hervor. Der Think-Tank hatte 2013 unterschiedliche Varianten für den Mix aus Solarenergie sowie Windparks an Land und auf dem Meer vergleichen lassen.

 

Bis zu 750 Millionen Euro Ersparnis pro Jahr

Die kostengünstigste Option wäre demnach ein Verhältnis zwischen Solarenergie, Offshore- und Onshore-Windkraft von 1:1:5 bezogen auf die eingespeiste Strommenge. Zurzeit ist das Verhältnis dagegen zu Gunsten der Photovoltaik verschoben, es beträgt etwa 4,5:1:9.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Solarenergie bereits fast drei Viertel der kostenoptimalen Ausbaumenge erreicht hat. Gegenüber einem ungebremsten Ausbau der Solarenergie ließen sich dem Gutachten zufolge bei einer Begrenzung auf 54 Terrawattstunden mindestens 400 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Schreitet der für die Windenergie so wichtige Netzausbau ohne Verzögerungen voran, wären es sogar 750 Millionen Euro.

 

Kritik von der Monopolkommission

Ein großer Verfechter technologieneutraler Ausschreibungen ist deshalb die Monopolkommission der Bundesregierung. Dem Vorsitzenden Achim Wambach geht die Pilotausschreibung noch nicht weit genug. Der neue Paragraf im EEG fordere beispielsweise einen differenzierten Zubau, sagte der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim gegenüber bizz energy. „Die Verordnungsermächtigung lässt hier sehr viel Spielraum, um den Wettbewerb durch Vorgaben zu begrenzen.“

Die Bundesregierung verteidigt dagegen ein differenziertes Vorgehen bei technologieneutralen Ausschreibungen. Beim Ausbau der Erneuerbaren müssten auch der Erzeugungsmix, Netzengpässe und die Kosten für das Gesamtsystem berücksichtigt werden, erklärte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums. Mit detaillierteren technologieneutralen Ausschreibungen solle deshalb geprüft werden, ob sich die Zweifel der EU-Kommission ausräumen ließen.

Manuel Berkel
Keywords:
Ausschreibungen | technologieneutrale Ausschreibungen | Windenergie | Solarenergie | Bioenergie | EEG | Monopolkommission | BSW | BEE
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