IAA 2017
08.09.2017

Messe ohne Message

Illustration: Valentin Kaden
Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR-Center Automotive Research, Universität Duisburg-Essen.

Die diesjährige IAA zeigt, wie Deutschland seine Mobilitätszukunft verschläft. Die Autoindustrie muss das Steuer herumreißen. Dabei würde eine Quote für Elektroautos helfen, schreibt bizz-energy-Kolumnist Ferdinand Dudenhöffer.

Jetzt auch noch Tesla. Etliche Autobauer haben der altehrwürdigen Frankfurter Branchenmesse IAA diesmal einen Korb gegeben. Nach Alfa  Romeo, DS, Fiat, Infiniti, Jeep, Maserati, Mitsubishi, Nissan, Peugeot und Volvo hat auch Tesla-Lenker Elon Musk abgesagt. Er wolle die ohnehin riesige Nachfrage nach dem Model 3 nicht noch mit Messeauftritten zusätzlich anheizen, ließ der Elektroautopionier aus dem Silicon Valley den Verband der deutschen Autoindustrie (VDA) diplomatisch wissen.

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Während Computer- und Elektronikmessen brummen, wirken klassische Automessen monoton. Viele IAA-Aussteller verkleinern ihre Flächen. Die Leipziger Automesse AMI machte schon vor ein paar Jahren dicht.

Der IAA fehlt mit dem Model 3 das wichtigste Auto des Jahres. Stars wie Elon Musk stellen ihre Innovationen per Web-Event vor, so wie früher der legendäre Apple-Gründer Steve Jobs. Millionen bestaunen die neuen Produkte auf ihrem Smart-Phone oder Tablet. Eine Automesse ist kein Anlass mehr für Premieren. Was auf YouTube hunderttausendfach geklickt wird und meist schon bei Autohändlern steht, muß nicht noch in einer Messehalle zur Schau gestellt werden. Der IAA fehlt ein neues Konzept, daran kann auch die groß angekündigte Zukunftsshow unter dem Namen „New Mobility World“ nichts ändern, zumal sie nicht mal die ganze Messezeit über aufgebaut bleibt. Dort werden sich ein paar Unternehmensberater und Mittelständler tummeln. Telekom, Siemens, SAP und Facebook haben dort Stände, neben einigen Start-ups mit App-Applikationen. Allerdings: Schon vor zwei Jahren verliefen sich kaum Besucher in die „New Mobility World“.

Dabei bräuchte die deutsche Autoindustrie dringend den Turnaround. Sie erlebt gerade die größte Glaubwürdigkeitskrise ihrer Geschichte. Da helfen auch keine Verschrottungsprämien. Nur Transparenz kann Vertrauen schaffen. Was hat es mit den Software-Updates für Euro 5 und Euro 6 Diesel auf sich? Warum verfehlen sogar neue Euro 6 Diesel die Grenzwerte im Alltagsbetrieb? Welche Hardware-Lösungen können alte Diesel – und damit unsere Städte – sauberer machen? Wie steht es um Fahrverbote? Fragen über Fragen. Darauf Antworten zu liefern, das wäre die Chance für die IAA gewesen, und für den VDA als Messeausrichter. Stattdessen verheddert sich VDA-Präsident Matthias Wissmann im Kleinklein und schlägt eine „Grüne Welle“ im Stadtverkehr vor. Die Branche verpasst ihre Chance, Emotionen für die Zukunft aufzubauen. Die IAA stellt kilometerlang Autos in Reihe auf, die jeder schon kennt.

Statt krampfhaft das Alte bewahren zu wollen, muss sich die Branche dem Neuen öffnen – insbesondere der Elektromobilität. Deutschland, Erfindernation des Autos, scheint bei diesem Zukunftsthema abgeschlagen. Im ersten Quartal wurden in Norwegen 35 Prozent aller Neuwagen als Elektroautos verkauft, in Schweden 4,3 Prozent, in der Schweiz 2,3 Prozent. Deutschland kommt nur auf knapp ein Prozent und liegt damit auf Platz Elf in Westeuropa – unter dem Durchschnitt, noch hinter Portugal, Österreich und Frankreich. Dazu kommt: Deutschland hat in den vergangenen zehn Jahren seine Verkehrsinfrastruktur sträflich vernachlässigt. Bröselnde Brücken und Schlaglöcher zeigen das. Auch viele öffentliche Verkehrsmittel sind in einem beklagenswerten Zustand.

Deutschland droht, die Mobilitätszukunft zu verpassen. Der Abstand zu China wird immer größer. Dort werden im nächsten Jahr mehr als zwei Millionen Elektroautos verkauft werden. Die Regierung in Peking flankiert die Entwicklung durch eine Quote für E-Autos, ähnlich wie sie jetzt auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gefordert hat. Eine Elektroautoquote von fünf Prozent für 2020 würde in ganz Europa 800.000 Fahrzeugen entsprechen – das wäre immer noch weniger als 40 Prozent der Zahl, die China schon 2018 erreicht.

Immerhin: Die deutschen Hersteller investieren derzeit massiv in den Ausbau ihres Elektroauto-Angebots. Audi bietet 2018 mit seinem E-tron mehr als 500 Kilometer Reichweite – und Tesla die Stirn. BMW stellt bei der IAA seine bewährte 3er Baureihe in rein elektrischer Form vor. Daimler hat seine EQ-Modellreihe angekündigt, VW investiert massiv in seine ID-Baureihe. Von der Produktseite her wäre eine Fünf-Prozent-Quote für Elektroautos 2020 also möglich. Die Autos sind dann da.

Die E-Auto-Quote würde eine Investitionswelle auslösen, indem sie Verlässlichkeit und Berechenbarkeit bringt. Für Infrastrukturanbieter, Autobauer, Stromkonzerne und Kapitalanleger. Kurzum: Die Quote würde Deutschland und Europa schneller machen – und der IAA eine Zukunft geben.

Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des CAR-Center Automotive Research sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Und: Dudenhöffer ist bizz energy Kolumnist der ersten Stunde, seit der Gründung 2012.

Dieser Beitrag stammt aus der September-Ausgabe 2017 unseres Print-Magazins bizz energy. Es ist im gut sortierten Zeitschriftenhandel, bei unserem Abonnentenservice unter bizz-energy@pressup.de oder als E-Paper im iKiosk erhältlich.

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