Unternehmen
23.01.2017

Klimaschutz in der Praxis

Foto: Vaude
Arbeiten im Grünen: Die Zentrale des Outdoor-Ausrüsters Vaude in Baden-Württemberg wurde für sieben Millionen Euro nach hohen Umweltstandards umgebaut

Deutschland will Vorreiter sein und die Emissionen bis 2050 um bis zu 95 Prozent senken. Einige Unternehmen sind bereits weiter als andere und zeigen: Klimaschutz zahlt sich aus.

 

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Holzvertäfelte Wände, heller Stuck an der hohen Decke, ein U-förmiger Besprechungstisch: Der Saal, Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut, flößte schon immer etwas Ehrfurcht ein. Heutzutage wird hier im Bundeswirtschaftsministerium jeden Freitag der Kurs der Bundesregierung debattiert, zwischen Hausherr Sigmar Gabriel (SPD) und seinen Staatssekretären. 
An diesem Donnerstag wird der Konferenzraum zum Festsaal, und der parlamentarische Staatssekretär Uwe Beckmeyer verleiht Urkunden – für unternehmerische Erfolge beim Klimaschutz. Einer der Ausgezeichneten ist der Lack- und Farbenhersteller J. W. Ostendorf aus Coesfeld in Westfalen. Er hat durch eine Verfahrensumstellung rund 70 Prozent bei der Produktherstellung eingespart. „Unternehmerisches Handeln und Klimaschutz sind kein Widerspruch“, sagt Beckmeyer bei der Preisverleihung. „Immer mehr Firmen erkennen die Chancen, die sich aus der Energieeffizienz ergeben und investieren in energiesparende Produkte und Technologien.“

 

Pioniere gesucht

Mit der Auszeichnung wird Ostendorf in die Gruppe der „Klimaschutzunternehmen“ aufgenommen. Die Idee dahinter: Jeder Trend braucht seine Vorbilder. Das Klima-Bündnis,  bei dem 2009 der damalige Bundesumweltminister Gabriel als Geburtshelfer mitwirkte, hat ausgesprochen strenge Aufnahmekriterien. 

Anders als bei typischen Verbänden reicht es nicht, wenn Interessenten einfach Mitgliedsbeiträge zahlen. Die Initiative verlangt messbare Einsparungen beim Ausstoß klimaschädlicher Emissionen. Mitglied werden kann nur, „wer nach einer intensiven wissenschaftlichen Prüfung eine positive Empfehlung des Beirats erhält“, heißt es dazu auf der Webseite. Im Beirat sitzen Vertreter von Wirtschafts- und Umweltministerium sowie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK).

Kleine Mittelständler wie beispielsweise die Eismanufaktur Florida Eis aus Berlin-Spandau sind ebenso in der Initiative vernetzt wie Branchenriesen, darunter der schwedische Möbelbauer Ikea. Regelmäßig treffen sich die rund 40 Mitglieder in Workshops und bei Werksführungen. Die Hoffnung: Durch den Austausch sollen sie voneinander lernen. 

Neben dem Farbenhersteller J. W. Ostendorf wird auch Schöck Bauteile an diesem Morgen im Bundeswirtschaftsministerium ausgezeichnet. Die Baufirma aus Baden-Baden hat ihre Fabrik klimafreundlich umgebaut und dazu mit einer Solaranlage und einem Blockkraftheizwerk ausgestattet. 200.000 Kilowattstunden Strom konnte Schöck dadurch bislang am Standort Halle an der Saale einsparen. Zusätzlich punktet die 650 Mitarbeiter starke Firma mit ihren Produkten. Ihre Forscher haben eine spezielle Dämmung für die Balkontür entwickelt, die im Winter die Kälte und im Sommer die Wärme aus der Wohnung hält. Durch den Einbau des neuen Bauteils wurden in den vergangenen acht Jahren 1.680 Tonnen Kohlendioxid (CO2) eingespart. Immerhin so viel, wie eine Person bei zwei Hin- und Rückflügen von Frankfurt am Main ins spanische Alicante produziert. 

Das grüne Gewissen allein treibt die Unternehmen aber wohl kaum. Neben CO2 spart Schöck auch Geld, Klimaschutz zahlt sich aus. Hätte das Unternehmen nicht in Effizienzmaßnahmen investiert, wären die Energiekosten in den letzten fünf Jahren um mehr als 180.000 Euro höher ausgefallen.

Die Gebäudemanagement-Firma Gegenbauer hat ausgerechnet, durch Energiesparen sogar 300.000 Euro mehr in der Kasse zu behalten. Das Berliner Unternehmen hält Wohnungen und Veranstaltungsstätten in acht Städten deutschlandweit. Darunter ist die nach dem berühmten Boxer Max Schmeling benannte Sport- und Konzerthalle am Berliner Mauerpark. Hier wurden alle Glühbirnen durch energiesparende LED-Lampen ersetzt, 1.064 auf dem Dach montierte Solarmodule produzieren 225 Megawattstunden Strom im Jahr. 

Bei seinen Dienstleistungen setzt Gegenbauer auf Umweltschutz. Die Reinigungskräfte putzen nach Konzerten und Handballspielen nach grünen Regeln. Das heißt: Stromfressende Staubsauger wurden durch effiziente Modelle ersetzt. Außerdem putzen die Reinigungskräfte nur dort die Böden, wo tatsächlich getagt oder gefeiert wurde und verwenden Konzentrate, die weniger Gift ins Grundwasser spülen als herkömmliche Putzmittel. 

 

Vorteil gegenüber der Konkurrenz

Der Trend zum Klimaschutz bringt der Gebäude-Management-Firma neue Geschäftsmodelle. Seit einiger Zeit müssen Eigentümer den Energieverbrauch ihrer Gebäude genau belegen. Das übernimmt die Firma. „Wir führen für unsere Kunden die Dokumentation der Energieverbräuche nach den gesetzlichen Vorgaben durch“, erläutert ein Unternehmenssprecher. Neben Kostenvorteilen treibt die grünen Pioniere auch der Blick in die Zukunft. Denn mit dem Mitte November verabschiedeten Klimaschutzplan 2050 hat die Bundesregierung einen Umbau der Wirtschaft beschlossen. Konkret heißt das: Fossile Energieträger sollen zunehmend durch Erneuerbare ersetzt werden. 

Damit legt die Regierung Merkel einen Fahrplan für die Umsetzung des Ende 2015 in Paris beschlossenen Klimaschutzabkommens vor. Darin haben sich die knapp 200 UN-Mitgliedsstaaten verpflichtet, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen und dafür den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase bis Mitte des Jahrhunderts auf praktisch Null zu senken. Ein erster Fahrplan für den Weg wurde soeben auf dem Folgegipfel in Marrakesch verabschiedet. Zum Abschluss der Konferenz kommentierte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in Marokko: Mittlerweile habe sich die Einsicht durchgesetzt, dass Klimaschutz nicht mehr nur das Vergnügen der Umweltminister sei, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht „das Gebot der Stunde“. 

 

Bündnispartner gesucht

Davon sind auch die in der Stiftung Zwei Grad organisierten Unternehmen überzeugt. „Klimaschutz schafft Arbeitsplätze und sichert die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft“, sagt deren Chefin Sabine Neillinger. Zu den Gründern zählen der Multimillionär Hans Otto sowie der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn. Neben der Deutschen Bahn sind auch Schwergewichte wie der Sportartikelhersteller Adidas, die Commerzbank und der Energiekonzern EnBW Mitglieder. Ihr gemeinsames Motiv: Sie wünschen sich die größtmögliche Planungs- und Investitionssicherheit für die kommenden Jahre. Deshalb drängen sie auf eine schnelle Umsetzung der Paris-Beschlüsse.  

 

Der vollständige Artikel ist in der Dezember/Januar-Ausgabe von bizz energy erschienen. Alle Hefte erhalten Sie bei unserem Aboservice unter bizzenergy@pressup.de.
Jana Kugoth
Keywords:
Klimaschutz | Deutschland | Bundeswirtschaftsministerium | Emissionen | Weltklimaabkommen | Energieeffizienz
Ressorts:
Markets

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