Kolumne Friedbert Pflüger
13.02.2014

Keine Energiewende ohne „Wärmewende“

Illustration: Valentin Kaden
Friedbert Pflüger war Staatssekretär der ersten schwarz-roten Regierung Merkel.

Die Bundesregierung konzentriert sich zu sehr auf Strom und übersieht den Heizungssektor. Das hat paradoxe Folgen.

Die zu schnelle Energiewende in Deutschland hat eine Vielzahl nicht intendierter Konsequenzen. Dazu zählen der starke Anstieg der Energiepreise und die Schließung vieler – jetzt unrentabler – Gaskraftwerke. Am meisten überrascht wohl der Anstieg der deutschen CO2-Emissionen um zwei Prozent im Jahr 2013, obwohl im gleichen Zeitraum der Ökostrom-Anteil am deutschen Strommix deutlich gestiegen ist. 

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Die Politik muss diesen negativen Effekten der Energiewende dringend begegnen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel ist mit seiner Kabinettsvorlage vom 17. Januar einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gegangen. Allerdings bleibt das Potenzial des Wärmemarktes in der schwarz-roten Koalition nicht ausreichend berücksichtigt. 

Der Heizungssektor steht allein für etwa 40 Prozent des deutschen Primärenergieverbrauchs und 30 Prozent der CO2-Emissionen – und wurde dennoch im Koalitionsvertrag weitgehend übersehen. Zwar hat sich die Große Koalition darauf geeinigt, die KfW-Förderung zur Häusersanierung aufzustocken und zu vereinfachen. Doch bei der Schlüsselfrage – der steuerlichen Absetzbarkeit von Öko-Investitionen im Gebäudesektor – gab es keine Einigung. 

Doppelte Sanierungsrate wäre nötig

Die jährliche Gebäude-Modernisierungsrate in Deutschland stagniert seit Jahren bei etwa einem Prozent. Mindestens das Doppelte wäre nötig, um die Energie- und Klimaziele zu erreichen. Daneben gelten nur etwa 25 Prozent der 20 Millionen in Deutschland installierten Heizungssysteme als effizient. Zwei Millionen Heizungen müssten pro Jahr modernisiert werden, aber nur 650.000 wurden im Jahr 2012 erneuert. Durch technische Neuerungen im Heizungssektor könnte Deutschland seinen Energieverbrauch um 15 Prozent reduzieren. 

Das staatliche Zögern bei der Gebäudesanierung muss erstaunen: Deutschland ist weltweit führend bei der Entwicklung effizienter Heizungstechnologien. So wurden einige der CO2-effizientesten und innovativsten Gasheizungssysteme, die mit Biogas und Solarenergie kombiniert werden können, hierzulande entwickelt. Daneben sind ausreichend private Investitionen verfügbar, um Effizienzsteigerungen ohne staatliche Subventionen zu erreichen. Das sind eigentlich gute Nachrichten für den Steuerzahler, besonders in Anbetracht der hohen Energiepreise in Deutschland. 

Allerdings brauchen wir zur Förderung von Heizungsmodernisierungen ein größeres öffentliches Bewusstsein und einen offeneren gesetzlichen Rahmen. Dazu zählen zum Beispiel Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen im Heizungssektor. Wir brauchen allerdings keinen staatlich verordneten „Modernisierungs-Masterplan“, sondern an der jeweiligen Wohn- und Vermögenssituation orientierte Fördermaßnahmen. Diese bergen zudem wirtschaftlichen Nutzen für deutsche Firmen sowie großes Potenzial für neue Arbeitsplätze. 

Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass der ausschließliche Fokus auf den Stromsektor nicht ausreicht, um Deutschlands ambitionierte Energie- und Klimaziele zu erfüllen. Auf das große Potenzial des Heizungssektors, der signifikante Fortschritte ohne unverhältnismäßige Belastung öffentlicher oder privater Kassen ermöglichen würde, kann nicht verzichtet werden. Fazit: Ohne Wärmewende wird die Energiewende nicht funktionieren!

 

Friedbert Pflüger ist Professor am King‘s College London und dort Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS). Er ist Senior Fellow des Atlantic Council of the United States und geschäftsführender Partner zweier Unternehmensberatungen. Pflüger war CDU-Bundestagsabgeordneter (1990-2006) und Staatssekretär der ersten schwarz-roten Regierung Merkel.

Friedbert Pflüger
Keywords:
Friedbert Pflüger | BIZZ-Exklusiv | Wärmewende | Energiewende | EEG-Reform | Wärmemarkt
Ressorts:
Governance

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