Mobilität in Japan
02.06.2016

Japans Wasserstoff-Gesellschaft

Foto: WIkipdia
Der Toyota Mirai.

Premier Abe baut die Infrastruktur für Brennstoffzellen-Systeme voran – und sucht damit den japanischen Weg der Energiewende.

 

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Japan setzt auf Wasserstoff – und nutzte den jüngsten G7-Gipfel als Werbeveranstaltung für die eigene Technik. Die Regierungschefs der führenden Industrienationen konnten sich Ende vergangener Woche wahlweise in Wasserstoff- oder Elektroautos zum Gruppenfoto fahren lassen. Kanzlerin Angela Merkel verzichtete allerdings. Sie wollte sich offenbar nicht in einem Honda, Nissan oder Toyota ablichten lassen.

Premier Shinzo Abe nutzte den G7-Gipfel im japanischen Ise-Shima nach Kräften, um der Welt die Stärken der japanischen Wirtschaft zu demonstrieren. „Der Premierminister hat den Führern der anderen Industrienationen persönlich unter anderem ein Wasserstoffauto präsentiert“, betont Eiji Wakai, Abteilungsleiter für Fertigende Industrie im japanischen Wirtschaftsministerium METI. Abe präsentierte den befreundeten Staatsführern die Wasserstoff-Technik aus gutem Grund. Sein Land geht derzeit einen Sonderweg in die Welt der neuen Energiesysteme. Die meisten anderen Nationen investieren in Mobilität durch Batterien und intelligentere Stromnetze. Japan hofft dagegen auf eine Zukunft, in der Brennstoffzellen die Hauptrolle spielen. 
In der Wasserstoffgesellschaft, so Abes Plan, wird Strom vor Ort in Brennstoffzellen erzeugt. In jedem einzelnen Fahrzeug, in jedem einzelnen Haushalt. Toyota nutzt die Energiewandler bereits in seinen Fabriken testweise als Stromquelle. Ab 2020 will der Konzern Brennstoffzellen in der Produktion zum Standard machen.

 

Brennstoffzellen in Kühlschrankgröße

Wasserstoff als Energieträger dämpft das Hauptproblem der erneuerbaren Stromquellen: das unregelmäßige Aufkommen. Windparks oder Solarfarmen würden dem japanischen Konzept zufolge das geruchlose Gas aus Wasser abspalten. Es lässt sich in Röhren transportieren und beliebig lange zwischenspeichern. Kühlschrankgroße Brennstoffzelleneinheiten in den Haushalten können dann daraus genau nach Bedarf Strom und Wärme gewinnen. Netzschwankungen werden dem Endnutzer damit gleichgültig.

Auch für den Antrieb von Autos eignet sich Wasserstoff ganz hervorragend, wie die Autos zeigen, die Abe den anderen Regierungschefs zur Probefahrt nahegelegt hat. Er selbst bestieg auf dem G7-Gipfel für die kurze Strecke zum Fototermin einen Honda Clarity Fuel Cell. Das Auto ist seit März auf dem Markt erhältlich. Es findet bisher wegen des exotischen Treibstoffs jedoch kaum Kunden: Landesweit gibt nur zwei Dutzend geeigneter Tankstellen.

Auf dem G7-Gipfel hatten die Teilnehmer damit jedoch keine Schwierigkeiten: Die Autos waren voll betankt und sollten nur 20 Meter mit den Staatsgästen fahren. Kanadas neuer Regierungschef setzte sich in den umweltfreundlichen Honda. Ebenfalls auf dem Gipfel zu sehen war das serienreife Wasserstoffauto „Mirai“ von Toyota. US-Präsident Barack Obama verzichtete dagegen wie Merkel auf die Mitfahrt. Auch wenn der Spitzenbeamte Wakai dafür „Termingründe“ anführt, liegt die Vermutung nahe, dass er als Vertreter einer weiteren großen Autonation der Konkurrenz ebenfalls keine Plattform bieten wollte.

 

Wasserstoff vs. Batterie

Wasserstofffahrzeuge haben gegenüber batteriebetriebenen Autos eine Reihe von Vorteilen. So entfällt der zeitraubende Ladevorgang, bei zudem dem große Mengen Energie verloren gehen. Die Reichweite ist größer als beim Benziner. Der einzige echte Nachteil ist die Sicherheitsfrage. Wasserstoff bildet mit Luft ein hochexplosives Gemisch. Schon ein Funke reicht, um es zu entzünden.

Der US-Entrepreneuer Elon Musk macht sich deshalb laufend über Wasserstoff als Antriebsmittel lustig. Er sei keine Alternative zu seinem Produkt, dem Oberklasse-Elektroauto Tesla. Wasserstofftechnik sei zu teuer, unzuverlässig und ineffizient, um zu funktionieren, behauptet Musk – und macht sich über die Anstrengungen lustig, die Toyota unternimmt, um entsprechende Produkte zur Marktreife zu bringen.

Doch Toyota, Honda und anderen Anbieter haben bereits hohe Entwicklungskosten und viele Ingenieurstunden in die Perfektionierung des Wasserstoffautos investiert – und sagen selbstbewusst, dass die Technik auch für den Endkunden taugt. Voraussetzung ist allerdings der Aufbau ganzer Systeme rund um den Wasserstoff – und hier wiederum die Schaffung von Tankstellen. Japan hat das Ziel, bis zu den olympischen Spielen in Tokio 2020 mindestens 40.000 Wasserstoffautos auf die Straße zu bringen. Japans Elektrofirmen wie Panasonic sind Kooperationen mit der Autoindustrie eingegangen, damit ihre Kunden künftig einmal sowohl Häuser als auch Autos mit kompatiblen Wasserstoffanlagen betreiben können. Abe kündigte den Aufbau einer „Wasserstoffgesellschaft“ in dem Land an, das bisher von Ölimporten abhängt. Subventionen in Höhe von 16000 Euro sollen den Käufern die Entscheidung für einen Honda Clarity oder Toyota Mirai erleichtern – immerhin ein Drittel des Kaufpreises.

Vertreter von Toyota sehen Wasserstoff- und Batterieautos anders als Musk als gleichberechtigte Zukunftstechniken, die künftig gut in nebeneinander existieren können. Trotzdem sieht es so aus, als ob die japanische Industrie wieder einmal eine sogenannte Galapagos-Lösung anstrebt: Eine gute und ausgereifte Technik, die aber nur auf der Insel verbreitet ist.

 

Ob andere Länder nachziehen, steht noch in den Sternen

Japan hatte bereits lange vor dem Smartphone internettaugliche Handys, auf denen Apps liefen – konnte sie aber nie international vermarkten. Später wurde der Mobilfunkmarkt des Landes dann vom iPhone überrannt. Ähnliche Phänomene gab es bereits mit Speicherformaten für Ton und Video – Japan setzte auf Beta-Videokassetten, magnetoptische Disketten oder den Memory-Stick, die allesamt gute Produkte aber international nicht kompatibel waren. Auch das steckt hinter der Präsentation der Wasserstofftechnik auf dem G7-Gipfel. Damit sich die Investitionen von Toyota und Honda lohnen, müssen auch andere Automärkte in Wasserstoffinfrastruktur investieren. Allein für den schrumpfenden japanischen Automarkt lohnt die Entwicklung nicht.

Für Abe ist es daher kein gutes Zeichen, dass es ihm nicht gelungen ist, eine Verpflichtung für den Ausbau von Wasserstoffsystemen in die Abschlusserklärung des G7-Gipfels einzubringen. Das Dokument, mitunterzeichnet von Merkel und Obama, verweist im Wesentlichen lediglich auf die Klimaziele von Paris – und verspricht „verstärkte Anstrengungen“, um die Kohlendioxidemissionen zu senken. Als klimafreundliche Energiequelle nennt das Dokument interessanterweise vor allem die Kernenergie. Kleiner Trost für Abe: Immerhin kann man Wasserstoff auch mit Atomkraft herstellen.

 

Finn Mayer-Kuckuk
Keywords:
Mobilität | Wasserstoff | Brennstoffzelle | Japan | G7-Gipfel | Ökostrom | Speicher | Honda | Nissan | Toyota
Ressorts:
Governance | Markets

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