Energiewende
17.01.2018

Industrie fürchtet Nachteil für grünen Wasserstoff

Foto: Shell Deutschland Oil GmbH
Die Shell Rheinland Raffinerie ist die größte in Deutschland.

Brüssel will die CO2-Emissionen im Verkehr auch über die stärkere Förderung moderner Biokraftstoffe senken. Wasserstoff aus Erneuerbaren spielt dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Die Lobby drängt auf Gleichbehandlung.

An diesem Donnerstag legt der Öl- und Gaskonzern Shell in Köln den Grundstein für eine Großanlage zur Erzeugung von Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Der PEM-Elektrolyseur (Polymer Elektrolyt Membran) am Standort Wesseling der Rheinland-Raffinerie hat eine Leistung von 10 Megawatt. Damit ist die Anlage die erste, die das Verfahren zur Produktion von „grünem“ Wasserstoff aus erneuerbarer Energie auf großtechnischem Niveau umsetzt. Aus Sicht der Initiatoren, zu denen auch der britische Elektrolyseur-Hersteller ITM Power zählt, hat das EU geförderte Projekt Modellcharakter.

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Ob ein Markt für grünen Wasserstoff entsteht, hängt jedoch auch von seiner künftigen Förderung ab. Momentan lässt er sich wegen der enormen Kosten noch nicht wirtschaftlich produzieren. Damit sich das ändert, drängt die Wasserstoff-Lobby darauf, dass die EU das Gas im Rahmen der Renewable Energy Directive (RED II) stärker würdigt. Konkret geht es darum, dass in den Mitgliedsstaaten grüner Wasserstoff im Verkehr auf die sogenannte Treibhausgas-Minderungsquote angerechnet werden darf – und zwar mit dem gleichen Faktor wie Biosprit der zweiten Generation. Dieser wird statt aus Futtermitteln aus Stroh oder heimischen Holzabfällen gewonnen. Laut einem Papier der EU-Energieminister im Rat soll er künftig doppelt berücksichtigt werden dürfen, grüner Wasserstoff hingegen nur einfach.

Forderung nach Technologieoffenheit

Werner Diwald, Präsident des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands (DWV), warnt: „Für die Markteinführung von grünem Wasserstoff würde die Regelung das Aus bedeuten“. Er fordert Technologieoffenheit: Für einen fairen Wettbewerb müsse Wasserstoff aus Ökostrom mit modernem Biokraftstoff gleichgestellt werden. „Ich fürchte, dass die Chancen von Wasserstoff nicht in vollem Maße unterstützt werden“, sagt auch Klaus Bonhoff, der Geschäftsführer der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW). Aus seiner Sicht wäre sogar eine zweieinhalb- bis dreifache Anrechnung von grünem Wasserstoff gerechtfertigt und notwendig, um die Erzeugung des Gases wirtschaftlich zu machen.

Nur dann würden Energieproduzenten dazu motiviert, Investitionen in die Technologie zu machen. Ihre Besserstellung hält Bonhoff gerechtfertigt: Schließlich seien auch moderne Biokraftstoffe immer noch energieintensiv in der Herstellung, die CO2-Minderung liege nur bei etwa 60 bis 70 Prozent über die gesamte Kette. Bei Wasserstoff und Grünstrom entstünden in der Erzeugungskette gar keine Klimagase.

Nur Deutschland macht sich auf EU-Ebene für Power-to-Gas stark

Dabei haben die Lobbyisten bereits damit einen Teilerfolg errungen, dass Wasserstoff künftig überhaupt auf die Treibhausgasminderung angerechnet werden soll. Das SPD-geführte Umweltministerium weist darauf hin, dass sich Deutschland als einziges Land auf EU-Ebene für grünen Wasserstoff stark mache. „Kein anderes Land in Europa begeistert sich dafür“, sagt ein Sprecher im Gespräch mit bizz energy. Eine Forderung nach Gleichstellung mit modernen Biokraftstoffen hätte deshalb keine Erfolgsaussichten gehabt. Joachim Pfeiffer, wirtschafts- und energiepolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sagt auf Anfrage, die Union setze sich für eine Anrechnung von grünem Wasserstoff auf das EU-Erneuerbaren-Transportziel ein. Um dies sicherzustellen, müsse auch der Dialog mit der Kommission geführt werden, die eine Methodik vorschlagen solle.

Allerdings gibt es für eine zügige Markteinführung noch so einige Hürden: So sieht die Bundesregierung in den kommenden Jahrzehnten kein ausreichendes Potenzial an überschüssigem Strom aus Erneuerbaren, der sich aus Klimaschutzsicht sinnvoll zur Wasserstoffproduktion nutzen ließe. „In größerem Umfang ist hiermit frühestens nach 2050 zu rechnen“, lautet die Einschätzung des Umweltbundesamts.

Bis zu 150.000 neue Jobs

Momentan ist in Deutschland nach Angaben der Industrie eine Elektrolyse-Leistung von etwa 20 Megawatt installiert. Aus Sicht von NOW wäre bis 2030 ein industrieller Hochlauf zu einer Leistung von 5 bis 10 Gigawatt sinnvoll, um die Klimaziele zu erreichen. Für das Ziel der völligen Dekarbonisierung im Jahr 2050 hält Geschäftsführer Bonhoff 200 bis 250 Gigawatt installierter Leistung für wünschenswert. So würden auch neue Jobs in der Wasserstoffwirtschaft geschaffen, sagt er: „Wenn man das Szenario bis 2030 mit den Jobeffekten in der Windenergie vergleicht, könnten 100.000 bis 150.000 Arbeitsplätze entstehen.“

Sein Industrie-Kollege Diwald warnt davor, das Potenzial von grünem Wasserstoff zu verspielen. Aus seiner Sicht ist die Verkehrswende ohne ihn nicht machbar, weil Ökostrom so stark fluktuiert, so dass er die Versorgungssicherheit von rein batterieelektrischen Fahrzeugen saisonal und zu jeder Tages- und Nachtzeit nicht gewährleisten kann. Wasserstoff könne hier für die nötige Flexibilität sorgen. Zudem sei das Gas für Langstrecken- und Nutzfahrzeuge wie Lkw und Busse, aber auch für Schiffe und Flugzeuge unverzichtbar.

Die Positionen von Kommission, Rat und Parlament, das sich übrigens am Mittwoch dafür aussprach, dass ab 2030 zwölf Prozent der Energie im Verkehr aus Erneuerbaren stammen soll, werden nun im Trialog weiterdiskutiert. Endgültig über die Richtlinie entscheiden wird die EU bis Oktober dieses Jahres. Ab Januar 2019 geht es dann um Gesetzesentwürfe, wie die Mitgliedsstaaten die Treibhausgasminderung konkret umsetzen. Bis Mitte 2020 müssen sie verabschiedet sein, damit die Richtlinie pünktlich im Januar 2021 in Kraft treten kann.

Update: Das EU-Parlament votierte am gestrigen Mittwoch dafür, dass erstmals auch grüner Wasserstoff vollumfänglich auf die Quote für den Einsatz von erneuerbaren Kraftstoffen angerechnet werden kann – einfach. Erneuerbare Kraftstoffe sollen laut Parlament nur im Luft- und Seeverkehr mit dem 1,2 bis 2-Fachen ihres Energiegehalts angerechnet werden können, nicht aber im Straßenverkehr. Für Strom aus erneuerbaren Quellen liegt der Vorschlag bei einer 2,5-fachen Anrechnung im Straßenverkehr. Wasserstoff wird aus Lobbysicht insofern benachteiligt, als dass er weder von Parlament noch Rat für eine Mehrfachanrechnung zur Erfüllung der Erneuerbaren-Kraftstoffquote im Verkehr vorgesehen ist. Außerdem wird innerhalb der Erneuerbaren-Quote von zwölf Prozent nur für moderne Biokraftstoffe eine Mindestmenge vorgeschrieben. Parlament, Rat und Kommission werden zu den Vorschlägen bis Herbst einen Kompromiss aushandeln.

Jutta Maier
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Ressorts:
Governance | Technology | Markets

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