Kolumne Ferdinand Dudenhöffer
29.12.2017

Hilflose Kommunen

Illustration: Valentin Kaden
Auto-Kolumnist Ferdinand Dudenhöffer: Alternative Antriebe und Verbesserung beim Benziner gleichen die Klimaeffekte des Diesel aus.

Auch nach dem jüngsten Diesel-Gipfel werden Fahrverbote in vielen deutschen Großstädten nicht zu verhindern sein. Ein oder zwei Milliarden Euro aus Berlin helfen nicht weiter. Eine Kolumne von Ferdinand Dudenhöffer.

Es war der zweite sogenannte Diesel-Gipfel der Kanzlerin mit den Kommunen. Erwartet wurde wenig – und die Erwartungen wurden voll erfüllt. Viele deutsche Großstädte wie Düsseldorf oder Mainz werden wohl Fahrverbote bekommen. Seit dem Jahr 2010 mahnt die EU-Kommission die über den Grenzwerten liegenden Stickoxid-Belastungen in deutschen Großstädten an. Elektroautos in den Großstädten wären eine Möglichkeit gewesen, rechtzeitig gegenzusteuern.

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Passiert ist aber wenig – eigentlich nichts. Aber schaut man sich etwa die Zahl der Ladesäulen in deutschen Großstädten an, zeigt sich ein tristes Bild: In den 50 größten Städten kommt im Schnitt auf 11.800 Einwohner eine öffentliche Ladesäule. In Mainz sind es 20.600 Einwohner, die sich an einer Ladesäule drängeln, in Köln 20.700 und in Duisburg sogar 41.500. Kein Wunder, dass die Deutsche Umwelthilfe (DUH) das verbürgte Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit einklagt. Sie wird wohl am längeren Hebel sitzen.

Größere Ad-Blue-Behälter wären eine Chance gewesen

Die zweite Chance wäre gewesen, rechtzeitig alle Dieselautos mit SCR-Katalysatoren und entsprechend großen AD-Blue-Behältern auszustatten. Auch diese Chance wurde von der Autoindustrie vertan, zum Teil mit nicht nachvollziehbaren Argumenten. Der Bauraum im Auto werde gebraucht; etwa für die größere Klimaanlage, die bessere Soundanlage, den größeren Turbolader samt Kühlanlage und so weiter. Und so liefern selbst neue Euro-6-Diesel-Pkw im normalen Fahrbetrieb zum Teil 15-mal höhere Stickoxid-Emissionen, als es die Grenzwerte erlauben. Kein Wunder, wenn es mit der sauberen Stadtluft nicht klappt. Auch hier hat der zuständige Bundesverkehrsminister vorsorglich nichts getan, schließlich geht es um Arbeitsplätze.

Als Nothilfe sollen nun eine Milliarde Euro der Autobauer und der Bundesregierung dienen, mit denen Städte und Kommunen schnell ein paar alte Dieselbusse umrüsten oder Elektrobusse anschaffen können. Doch außer Versprechungen liegt bisher nichts Konkretes vor. Stattdessen wird die Fantasie der Pendler mit Überlegungen strapaziert, eine zusätzliche Radspur zu bauen oder die sagenumwobene „grüne Welle“ einzuführen. Ein beklagenswerter Zustand.

Klimabilanz der Neuwagen hat sich trotz Diesel-Knick leicht verbessert

Statt die Probleme mit mehr Schwung zu lösen, beschwört die Industrie die Notwendigkeit des Diesel-Antriebs für den Klimaschutz. Selbst die Kanzlerin betont, dass Klimaschutz ohne Diesel nicht funktioniert. Analysiert man die Dieselanteile bei den Neuwagen in Deutschland und stellt sie den Kohlendioxid-Emissionen gegenüber, ergibt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Dieselgate und die Diskussion um Fahrverbote haben dem Diesel übel mitgespielt.

Der Diesel-Anteil an den Neuzulassungen ist rapide in den Keller gegangen. Im Oktober wurden nur noch 35 Prozent aller Neuwagen mit einem Dieselmotor ausgeliefert. Im Januar 2016, dreieinhalb Monate nach Bekanntwerden der VW-Dieselbetrügereien in den USA, lag der Anteil noch bei 49 Prozent. Das ist ein Einbruch von fast 30 Prozent. Eigentlich hätte der Diesel-Knick die Kohlendioxid-Bilanz der Neuwagen aus dem Gleichgewicht werfen müssen, denn Diesel-Pkw haben einen geringeren Kraftstoffverbrauch als Benziner. 

Steuerersparnis raubt dem Finanzminister Milliarden

Eingetreten ist jedoch das Gegenteil. Im Oktober dieses Jahres lag der CO2-Ausstoß bei Neuwagen in Deutschland im Mittel bei 127,6 Gramm pro Kilometer, im Januar 2016 waren es 127,9 Gramm. Die Klimabilanz der Neuwagen hat sich also trotz Diesel-Knick sogar leicht verbessert. Dieses Paradoxon lässt sich auflösen, wenn man die Verkäufe von Erdgasautos, Hybridfahrzeugen, Plug-In-Hybriden und Elektroautos mit in die Rechnung einbezieht. Denn die alternativen Antriebe und die Verbesserung beim Benziner gleichen die Klimaeffekte des Diesels aus – ganz ohne Stickoxid-Nebenwirkungen.

Doch weil der Dieselantrieb angeblich für den Klimaschutz nötig ist, wird der Kraftstoff mit 18 Cent weniger besteuert als Benzin. Eine Steuerersparnis, die dem Finanzminister pro Jahr netto mehr als acht Milliarden Euro Einnahmen raubt. Acht Milliarden Euro für vermeintlichen Klimaschutz. Acht Milliarden, die zu einem künstlichen Boom geführt haben, der den Kommunen nun schwer auf die Füße fällt.

Zu viele Legenden und Mythen

Das Diesel-Problem ist von zu vielen Legenden und Mythen, Vorurteilen und zu langem Aussitzen geprägt. Die Situation ist festgefahren, die Kommunen sind hilflos. Zu viele Themen werden vor ihren Haustüren abgeladen. Gleichzeitig verharren die Stadtverwaltungen in Inaktivität. In kommunalen Fuhrparks sind Elektroautos Fremdwörter, und an E-Ladesäulen haben Stadtwerke wenig Interesse.

Es scheint ein Systemproblem zu geben. Und ein solches lässt sich nicht mal eben mit ein paar Gipfeltreffen oder ein oder zwei Milliarden aus Berlin beheben. Nicht das Flicken von Schlaglöchern führt in die Zukunft, sondern der Bau neuer Straßen. Im föderalen System hat sich der Wurm breitgemacht. Was wir jetzt brauchen, ist ein neues Denken.

 

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