Klimawandel
30.11.2016

Hilfeschrei auf dem Gletscher

Fotos: Marco Kost/DAV
Der Klimwandel lässt die Gletscher immer weiter zurückgehen.

Der Klimawandel bedroht das ewige Eis. Schmelzen die Gletscher, hat das gravierende Auswirkungen – auch weit entfernt von den Bergen.

Ein Julimorgen in den Alpen. Langsam schiebt sich die Sonne über den Bergkamm. Plötzlich rumpelt und grollt es – obwohl der Himmel wolkenlos ist. Felsen stürzen aus der Wand und krachen in gut 200 Metern Entfernung auf das Eis des Gepatschferners. Dort liegt bereits ein Felshaufen, bis zu 50.000 Kubikmeter groß, schätzt Maximilian Witting. Der Klimaexperte des Deutschen Alpenvereins sagt: „Grundsätzlich steigt die Steinschlaggefahr, wenn die Gletscher schmelzen.“ Und das tun sie. Nicht nur in den Alpen, sondern weltweit. Das hat nicht nur negative Konsequenzen für Mensch und Natur in den betroffenen Regionen, auch die Wirtschaft erreichen die Folgen. „Ferner“ nennen die Tiroler ihre Gletscher. Der Gepatschferner ist einer der großen. Aber das hier ist „der klägliche Rest“, sagt Witting.  Obwohl sich gewaltige Eismassen ins Tal schieben, sind es doch weit weniger als vor 150 Jahren.

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Glaziologen schlagen Alarm. Bereits 2009 ermittelten Forscher der ETH Zürich, dass die Schweizer Gletscher innerhalb von nur zehn Jahren zwölf Prozent ihres Volumens eingebüßt hatten. Die entstandenen Wassermassen könnten den Zürichsee zweimal füllen. Die Alpen gelten als „das Wasserschloss Europas“. Doch ihre Gletscher haben seit 1850 mehr als die Hälfte ihrer Fläche verloren, allein seit 1900 rund 96 Kubikkilometer Eis. Das hat dramatische Folgen. „Gletscher sind wichtige Elemente für die Speicherung von Wasser“, warnt die Alpenkonvention, ein Zusammenschluss der Alpenstaaten mit dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung und des Schutzes der Gebirgskette. Die Organisation beschreibt das Problem in ihrem aktuellen Alpenzustandsbericht: Durch die zentrale Lage der Alpen in Europa beeinflusse der Gletscherrückgang nicht nur die Bergregionen. „Obwohl ihre Fläche relativ klein ist, liefern sie eine überproportional große Wassermenge an die außeralpinen Regionen.“

 

Überschwemmungen und Dürre

Besonders im Frühjahr und im Sommer profitieren die Tiefebenen der Donau, des Rheins, der Rhône und des Po vom Abfluss aus den Alpen. An der Donau steuert das Gebirge in diesen Spitzenzeiten bis zu 35 Prozent der Wassermenge bei, am Po sogar bis zu 80 Prozent. Ändern sich diese Mengen, erwartet die Alpenkonvention einerseits mehr Überschwemmungen, andererseits mehr Dürren: „Man nimmt an, dass zunächst der Rückzug der Gletscher den Sommerabfluss in den Alpenflüssen verstärken wird.“ Die Hochwassergefahr steigt. Sind die Gletscher dann verschwunden, fehlt das Wasser in den landwirtschaftlich geprägten Ebenen: „Wenn die Gletscher schrumpfen, wird sich der Sommerabfluss in diesen heute von Gletschern direkt gespeisten Einzugsgebieten um bis zu 50 Prozent verringern.“

Es ist noch nicht lange her, da galten Gletscher teilweise als Bedrohung. Bewundernswertes Touristenziel sind sie geblieben. Vom 1872 gebauten und heute denkmalgeschützten Gepatschhaus im Tiroler Kaunertal, der ersten Schutzhütte des Deutschen Alpenvereins, konnten Bergsteiger gemütlich zur Gletscherzunge spazieren und dort das Eis betreten. Die ersten Bergtouristen errichteten eigens eine Kapelle, da die örtlichen Bergführer an Sonn- und Feiertagen erst nach der Messe aufbrechen wollten. „Es gab sogar einen Gletscherpfarrer“, weiß Josef Reich, Bürgermeister der Gemeinde Kaunertal.
Wer heute auf den Gletscher wandern will, ist bis zu zwei Stunden unterwegs, bis er überhaupt einmal auf Eis stößt. Wegen der instabilen Seitenmoräne wurde der Zustieg bereits verlegt, auf rund 300 Höhenmeter oberhalb der Gletscherzunge.
Bei seinem Rückzug gibt der Gletscher vieles frei, was Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte im Eis gefangen war. Die Leichen verunglückter Bergsteiger, gefallene Soldaten und Munition aus dem ersten Weltkrieg sowie Baumstämme. Wissenschaftler schließen daraus, dass die Baumgrenze schon mal weiter oben gelegen hat als heute und dass sie wieder steigen wird.

Eigentlich wäre das kein Problem. Ginge es nur nicht so schnell. Bergführer Michael Veit bleibt auf dem Zustieg plötzlich stehen. Vor ihm, keine 50 Meter entfernt, nimmt ein Gamskitz Witterung auf und steigt die Bergflanke empor. „Wir sind hier nur ein bisserl höher als es der Gletscher 1850 war“, erzählt Veit und zeigt auf ein 40 Meter weiter unten liegendes Band, breit wie ein Forstweg. Darunter geht es steil hinab, zwischen 70 und 100 Meter, bis zum Gletscher. Das Band ist die Seitenmoräne. Bis hier oben reichte noch im 19. Jahrhundert die Oberkante des Gletschers.
Für das Gamskitz könnte es künftig unangenehm werden, ebenso für die zahlreichen Murmeltiere, die sich gegenseitig mit schrillen Pfiffen vor Raubtieren und Menschen warnen. Wenn der Gletscher verschwindet, rücken Pflanzen und Tiere aus den Tälern nach, dringen in Regionen vor, die ihnen bislang zu unwirtlich waren. Die Rückzugsgebiete nach oben für die bislang hier auf rund 2.500 Höhenmetern ansässige Flora und Fauna werden immer kleiner. Ginge es langsam in eine Warmzeit hinein, könnten sie sich anpassen. Aber der Klimawandel beschleunigt den Effekt. Alles geht schnell, sehr schnell.

 

Tierarten sterben aus

Zwischen 1850 und 1900 hatte der Gepatschferner nur drei Meter an Höhe verloren. Heute sind es teilweise mehr als 200 Meter. So schnell kann sich die Natur nicht anpassen, die Biodiversität geht zurück. Zahlreiche Arten sind vom Aussterben bedroht. Dabei ist nicht nur die Dicke, sondern auch die Länge der Gletscher rückläufig. Alle Gletscher in Österreich verlieren im Durchschnitt pro Jahr zwölf Meter. Beim Gepatschferner beträgt das absolute Minus seit 1850 rund 2.500 Meter. Allein im warmen Sommer 2015 verlor er nach einer Messung des Österreichischen Alpenvereins 121,5 Meter. Zwei weitere österreichische Gletscher büßten 2015 ebenfalls mehr als 100 Meter Länge ein. Im Hochsommer fehlten Kaltlufteinbrüche mit Schneefällen. Und nachts wurde es nicht so kalt, dass die Schmelze unterbunden wurde.
Zwar wirkten 2015 wohl eher Wetter- als Klimaeffekte. Doch der grundlegende Trend besteht seit Jahren. Fällt im Sommer Schnee, deckt er den Gletscher zu und isoliert ihn. Bleibt der Schnee aus, setzt sich eine Spirale in Gang. Klimaexperte Witting weist auf eine graue Schicht, die den Gepatschferner bedeckt: kleine Steine, fast schon Sand, dazwischen vereinzelt größere Felsbrocken. „Im Gegensatz zu Schnee reflektiert das Geröll nicht das Sonnenlicht sondern absorbiert es, es erwärmt sich und der Gletscher schmilzt schneller.“ Witting  kann dem Ganzen auch etwas Positives abgewinnen. Insbesondere die Landwirtschaft profitiere in manchen Regionen, wenn das Klima in der Höhe milder werde. „In bestehenden Weinanbaugebieten in Österreich kann sich der Temperaturanstieg besonders günstig auf Rotweinsorten beziehungsweise auf deren Qualität auswirken.“ Allerdings ist die Gefahr groß, dass im Gegenzug Anbauflächen in tieferen Lagen wegen der Klimaveränderungen nicht mehr wirtschaftlich sind. Diese Flächen kann Österreich angesichts seiner überschaubaren Größe kaum ausgleichen, auch nicht in Kooperation mit den benachbarten Schweizern. Zudem profitiert die Landwirtschaft nicht nur vom milderen Klima. Schmelzen die Gletscher, wird das Wasser in der Höhe knapper.

Mehr als 20 Forschungsgruppen aus der Schweiz unter der Leitung des Oeschger-Zentrums der Universität Bern veröffentlichten vor zwei Jahren den Bericht der CH2014-Impacts-Initiative. Die vom Schweizer Bundesumweltamt unterstützte Studie analysiert verschiedene Szenarien. Fazit: „Die Eismasse der Gletscher wird bis Ende dieses Jahrhunderts gemäß dem Szenarium mit mittlerer Emission fast gänzlich verschwinden.“ Dann beginnt der Konkurrenzkampf zwischen Bauern, Versorgern, Industrie und der Bevölkerung, die gerne sauberes Trinkwasser hätte. „Die Frage ist, welche Mechanismen angewendet werden, um Konflikte zwischen den Interessensgruppen zu lösen“, warnt die Alpenkonvention.

Witting steigt gerade den Gepatschferner hinauf, als es erneut rumpelt und ein weiterer Steinschlag auf das Eis niederprasselt. Die Berge verlieren an Stabilität, wenn die Gletscher die Geröllwände nicht mehr halten. Hinter einer Felswand erscheint die Sonne und beleuchtet den Gletscherbruch, der oberhalb des Wegs aufragt. Ganz oben schimmert es bläulich. Hier ist ein mehrere Meter hoher Eisbrocken abgebrochen. Die Gletscherschmelze ist nicht zuletzt Gift für den Tourismus. „Wir müssen Wege verlagern oder gar sperren“, sagt Witting. Das trifft nicht nur Bergwanderer und Bergsteiger, sondern auch Touristen, die sich einen Gletscher anschauen wollen. Gletscherskigebiete sind zum Teil keine Sommerskigebiete mehr; manche erzeugen ihren Schnee in Fabriken selbst. Auch das Landschaftsbild ändert sich.

Bergführer Veit steht auf dem Weißseeferner, einem Nachbargletscher des Gepatschferners. Hier, oberhalb von 2.700 Metern, ist die Luft schon dünner, das Gehen wegen des niedrigeren Sauerstoffgehalts anstrengender. Die Kaunertaler Gletscherbahnen GmbH hat Skilifte aufgestellt. 1999 fing Veit hier als Snowboardlehrer an. Heute ist die Weißseespitze vielleicht 3.510 Meter hoch, vielleicht auch nicht, aktuelle Karten liefern nur eine Circa-Angabe. Ältere Karten weisen noch 3.532 Meter aus. Eine Eisschicht bedeckt den Gipfel, aber die schmilzt langsam ab. In der Nordwand hängen vereinzelte Schnee- und Eisfelder. „Als ich hier als Snowboardlehrer arbeitete, war die Wand das ganze Jahr über vereist und eine beliebte Eistour“, erinnert sich der Bergführer. Das ist  erst 17 Jahre her. An Eistouren im Sommer ist heute nicht mal mehr zu denken. Vergangenes Jahr war es so warm, dass Wasser aus den Wänden kam. Zum Teil hatte es 30 Grad auf dem Gipfel. Schon vor Jahren löste sich das Gipfelkreuz aus seiner Verankerung im Eis und stürzte ein Stück die Wand hinab.

Der vollständige Artikel ist in der November-Ausgabe von bizz energy erschienen. Ein umfrangreiches Dossier zum Klimaschutz lesen Sie auch in der neuen Winterausgabe, die nächste Woche erscheint. Alle Hefte erhalten Sie am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de.

Jochen Bettzieche
Keywords:
Alpen | Klimawandel | Gletscherschmelze | Gletscher | Eis | Überschwemmungen
Ressorts:
Technology

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