Energiewende
06.06.2017

Eingriffe ins Stromnetz werden teurer

Foto: M.Dufek

Im ersten Quartal liefen bei den Betreibern Kosten von 337 Millionen auf – die Stromnetzentgelte könnten steigen.

Die Kosten für Maßnahmen zur Stabilisierung der Stromnetze steigen weiter. Laut einer Berechnung von bizz energy, basierend auf den Daten des Verbands Europäischer Übertragungsnetzbetreiber (Entso-E), gaben die vier Betreiber von Höchstspannungsleitungen dafür in den ersten drei Monaten dieses Jahres rund 337 Millionen Euro aus. Das sind 21 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2016, als die Kosten bei 278 Millionen Euro lagen. Im Vorjahr waren sie noch etwas niedriger. Ursache sind Engpässe im Stromnetz und damit letztlich auch der schleppende Netzausbau.

Anzeige*

Vor allem die beiden Netzbetreiber 50Hertz (Ostdeutschland) und Tennet (Norddeutschland und Korridor bis in den Süden) müssen tief in die Tasche greifen, denn auf sie entfällt der Löwenanteil der „Notmaßnahmen“: 50Hertz musste knapp 84 Millionen Euro aufwenden, Tennet knapp 232 Millionen. Entso-E fasst dabei die Kosten aller Eingriffe zusammen. Darunter fallen als wichtigste Posten das Ausschalten von Kraftwerken, wenn in einem Gebiet zu viel Strom erzeugt wird, der nicht abtransportiert werden kann, und das Anfordern von Kraftwerken in Regionen mit Unterdeckung. Für das sogenannte „Redispatch“ entstehen Kosten, weil die angeforderten Kraftwerke in der Regel teurer produzieren. Zweiter Kostentreiber ist das Abregeln von Ökostrom-Kraftwerken, die entschädigt werden müssen.

Weitere Tariferhöhungen drohen

Letztlich kommen die Kosten bei den Stromkunden über die Übertragungsnetzentgelte an, die zunächst den Verteilnetzbetreibern in Rechnung gestellt werden. Vergangenes Jahr hatten 50Hertz und Tennet ihre Tarife drastisch angehoben – um 45 beziehungsweise 80 Prozent. Die Kunden in den Regelzonen von Amprion und TransnetBW blieben hingegen von solchen Preissprüngen verschont. Die Kosten für die Netzstabilisierung fluktuieren, aber wenn der Trend anhält, sind weitere Tariferhöhungen wohl kaum zu vermeiden.

Tatsächlich sind meist die schwankenden Erträge der Windkraft an Land und auf hoher See verantwortlich für hohe Redispatch-Volumina – und die konzentrieren sich in Norddeutschland. Bei hohem Ertrag drücken sie an der Strombörse den Preis, fossile Kraftwerke im Süden werden aus dem Markt gedrängt. Das Überangebot an Windstrom aus dem Norden kann aber nicht abtransportiert werden. Die Folge ist, dass die Kraftwerke im Süden von den Netzbetreibern kostenpflichtig angefordert werden und teils auch Windräder zeitweilig außer Betrieb genommen werden müssen.

Die vereinzelte Fertigstellung von Stromleitungen wie der sogenannten „Thüringer Strombrücke“ zwischen Thüringen und Bayern, deren erster Stromkreis Ende 2015 in Betrieb ging, können nicht ausreichend Abhilfe schaffen. Denn gleichzeitig gehen immer mehr Ökostrom-Kraftwerke in Betrieb. So wurden zuletzt erhebliche Offshore-Kapazitäten ans Netz angeschlossen. Grundsätzlich würde das Problem erst durch die Fertigstellung der großen Nord-Süd-Gleichstrom-Leitungen entschärft. Der Bau verzögert sich aber unter anderem durch politische Streitereien und die Entscheidung, einen Großteil der Leitungen als Erdkabel zu verlegen, um die Anwohner zu schonen.

Jakob Schlandt
Keywords:
Netzbetreiber | Höchstspannungsleitungen | Redispatch | Übertragungsnetzentgelte | Netzausbau
Ressorts:
Finance | Governance

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy September-Ausgabe 2017

Die neue bizz energy gibt es ab sofort am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de.

 
 

bizz energy Research

Individuell zugeschnittene Studien
und differenzierte Analysen sowie
kurze Reports.


Weitere Informationen finden Sie auf der Website von bizz energy Research