Solarmarkt
10.07.2014

Die Solar-Guerilla

Titelbild: BSW Solar

Eigenverbrauch statt Förderung: Auch neue Vorschriften werden den PV-Boom 2.0 nicht aufhalten.

Massenentlassungen, miese Geschäftsaussichten: Wer in der deutschen Solarindustrie nach schlechten Nachrichten sucht, der wird schnell fündig. Was mit der Insolvenz von großen Produzenten wie Q-Cells 2012 begann, hat sich zu einem Massensterben entwickelt. Im April erwischte es mit Wagner & Co. eine Pionierfirma, die schon seit den 70er-Jahren Anlagen baut. Bosch ist längst aus dem Geschäft ausgestiegen. In deutschen Solarfabriken arbeiten nunmehr weniger als 5.000 Menschen. Produzenten aus Asien haben Europa überrollt. 

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Dazu kommt, dass die ständige Absenkung der EEG-Einspeisevergütung Wirkung zeigt. Die Schweizer Großbank UBS schätzt, dass 2014 nur noch drei Gigawatt Solarkapazität neu installiert werden, 2012 waren es noch 7,6 Gigawatt. 

Inmitten dieser düsteren Prognosen ist auch ein Silberstreif erkennbar: Ein Viertel des Neubaus wird laut UBS aus Anlagen bestehen, die vor allem für den Eigenverbrauch Strom produzieren. In Deutschland setzt gerade der Solarboom 2.0 ein – durch Verbraucher, die sich ihre Elektrizität einfach selbst erzeugen. 

Die Kalkulation dazu wird von Tag zu Tag attraktiver. Steigende Strompreise im Verbund mit sinkenden Kosten von Solaranlagen haben eine gewaltige Preislücke aufgerissen. Während der Strom aus der öffentlichen Leitung für Privatkunden an der Marke von 30 Cent pro Kilowattstunde kratzt, kostet die Erzeugung von Solarstrom vom Dach, auf 20 Jahre gerechnet, meist nicht einmal 15 Cent – an günstigen Standorten sogar deutlich weniger. Wird der Eigenverbrauch so optimiert, dass die Erzeugungsspitzen zur Mittagszeit genutzt werden, können bis zu 40 Prozent des Solarstroms selbst verbraucht werden. Der Rest wandert, niedrig vergütet, ins Netz. In einschlägigen Internet-Foren nehmen Berichte über Mini-Anlagen als Stromkostendämpfer zu. Mini-Paneele für den Balkon gibt es als Komplettsystem ab 500 Euro. Der Kampfbegriff lautet: „Guerilla-PV“.

Auch Industrieunternehmen haben die solare Eigenerzeugung für sich entdeckt. Der Autozulieferer B&W Fahrzeugentwicklung aus Wolfsburg ließ sich von Hanwha Q-Cells eine 100-Kilowatt-Anlage aufs Dach schrauben, die Klimaanlage und PC-Arbeitsplätze versorgt – und schwärmt, dass die Energierechnung damit um ein Fünftel gesunken ist.

Allerdings: Erst die Installation einer Batterie zündet für Selbsterzeuger den Turbolader. Damit kann der Eigenverbrauch in Richtung 80 Prozent steigen. Auf diesen Bereich richten zahlreiche deutsche Solarunternehmen ihre Innovations- und Vermarktungsbemühungen, die großen wie die kleinen.

Beispiel Solarworld: Unter dem Namen Sunpac 2.0 bietet der größte verbliebene deutsche Solarkonzern einen Speicher zur Eigenverbrauchsoptimierung. Solarworld setzt dabei wie viele andere Anbieter auf Blei-Akkus. Die Anlagen sind günstig, aber auch relativ groß und für schnelles Be- und Entladen nicht so gut geeignet. Der Baufinanzierer Schwäbisch Hall warnt: „Bei Kosten zwischen 7.000 und 10.000 Euro für ein Einfamilienhaus rechnet sich die Investition in einen Speicher für Solarstrom bislang allerdings bestenfalls auf lange Sicht.“ Auch die Firma Sonnenbatterie, selbsternannter Marktführer für Lithium-Batterien zum Einlagern von Solarstrom, räumt ein, dass die Kunden keine „Renditejäger“ sein sollten. Sie werden vielmehr mit der Aussicht auf Autarkie gelockt. Bislang zieht dieses Argument wohl nicht besonders: 2013 wurden in Deutschland höchstens 7.000 Solarspeichersysteme verkauft, was bei mehr als einer Million Solaranlagen mickrig ist.

Doch jetzt rollt gerade eine zweite Innovationswelle, die Speicher kompakter, günstiger und langlebiger machen und die Verkaufszahlen nach oben treiben könnte (siehe Kasten auf Seite 34). In Deutschland wird ein stark wachsendes Interesse an Eigenverbrauchssystemen vermutet, wenn die ersten Solaranlagen nach 20 Jahren aus der EEG-Förderung herausfallen, also zu Beginn des kommenden Jahrzehnts. „Die Kosten für den Betrieb einer abgeschriebenen Solaranlage liegen bei etwa zwei Cent pro Kilowattstunde“, sagt Christoph Burger, Experte der Berliner European School of Management and Technology (ESMT). Er erwartet einen weiteren Schub an Selbstversorgern. Weil man nach dem EEG-Förderzeitraum am Strommarkt nicht viel verdienen könne, werde dann „die Eigenverbrauchsoptimierung im Vordergrund stehen“. Bei dieser „Energiewende von unten“, wie Burger sie nennt, werde die Photovoltaik eine entscheidende Rolle spielen und ihre Innovationsschwerpunkte würden sich verlagern. Während bisher Kostensenkungen und höhere Wirkungsgrade im Vordergrund standen, seien künftig Systemlösungen und Vertrieb entscheidend. 

In den USA zeigt sich heute bereits, welche Dynamik sich entfachen lässt. Das 2006 gegründete Unternehmen Solarcity bietet Kunden ein Rundum-Paket ohne Eigeninvestitionen. Abhängig vom Standort verspricht Solarcity, den Strompreis zu senken oder zumindest Anstiege zu verhindern. Dachfläche gegen Rabatt: Fast 70.000 Kunden hat Solarcity bereits gewinnen können. An der Börse ist der Dienstleister fast fünf Milliarden Dollar wert. Das Hamburger Start-up DZ-4 eifert den US-Vorbildern nach und bietet Solaranlagen mit oder ohne Speicher für zehn Jahre zur Festmiete an, inklusive Service. Die Interessentenzahl ist noch überschaubar, doch die Gründer rechnen mit einem Potenzial von bis zu zehn Millionen Kunden.

Der jungen Branche droht jedoch durch neue Abgaben ein Dämpfer, bevor es richtig los geht. Thomas Schütt, einer der DZ-4-Gründer, warnt: „Alle Geschäftsmodelle, die Photovoltaik als Teil eines intelligenten Energiekonzeptes für private Haushalte verstehen, sind in sehr großer Gefahr.“ Der Grund: Bei neuen Anlagen soll für die Erzeugung zumindest ein Teil der Ökostrom-Umlage bezahlt werden, wenn sie zehn Kilowatt Leistung überschreiten. Das sieht der neueste Entwurf von Energieminister Sigmar Gabriel für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vor, das zum 1. Au-
gust in Kraft treten soll. Damit müssten bereits für Anlagen größerer Privathäuser oder kleiner Gewerbebetriebe zumindest 50 Prozent der EEG-Umlage von 6,24 Cent pro Kilowattstunde gezahlt werden. Nach Informationen von BIZZ energy today hat das Ministerium jedoch signalisiert, sich auch mit 25 oder gar 15 Prozent zufriedenzugeben. Das wäre eine vertretbare Belastung für die neuen Geschäftsmodelle.

Dennoch haben der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) und der Solarverband BSW angekündigt, gegen eine Belastung von Eigenverbrauch mit der EEG-Zahlung Verfassungsbeschwerde einzulegen. „Eine solche Regelung verstößt sowohl gegen die persönliche Handlungsfreiheit als auch das Gleichheitsgebot, die vom Grundgesetz geschützt werden“, sagt VZBV-Energieexperte Holger Krawinkel, der sich „sehr gute“ Chancen für die Klage ausrechnet.

Noch stärker könnte sich allerdings eine Reform der Netzentgelte auswirken. Nicht mehr der Jahresverbrauch in Kilowattstunden soll dann entscheidend sein, sondern wie viel Leistung maximal in Anspruch genommen wird. Denn PV-Guerilleros entlasten das Stromnetz kaum. Die Höchstlasten im deutschen Netz, auf die das ganze System mit seinen hohen Fixkosten ausgerichtet ist, treten im Winter auf – wenn die Sonne schwach ist und die PV-Erträge auf ein Minimum schrumpfen. „Durch die derzeitige Abrechnungsstruktur im Stromnetz gibt es für Eigenerzeuger durchaus einen Trittbrettfahrer-Effekt“, sagt ESMT-Experte Burger. 

Auf lange Sicht droht dem Netz eine ökonomische Todesspirale: Je mehr Kunden ihren Eigenverbrauch erhöhen, desto stärker müssen die Preise für den Rest der Stromkunden steigen, was wiederum die Eigenerzeugung sehr viel attraktiver macht. In der Branche wird erwartet, dass die Bundesregierung noch dieses Jahr eine Reform des Energiewirtschaftsgesetzes in Angriff nimmt. Auf einer Tagung des Energie-Forschungszentrums Niedersachsen Ende März waren sich jedenfalls die Teilnehmer einig, dass eine solche Umstellung überfällig ist. Ein Vertreter aus den Niederlanden berichtete, dass dort die Umstellung auf ein entsprechendes Modell im Rückblick fast reibungslos funktioniert habe. 

Interessantes Detail: Besonders getroffen habe die Umstellung Bewohner von Häusern mit Aufzügen, denn diese verbrauchen zwar aufs Jahr gesehen nicht viel Strom, ziehen aber häufig mehr als ein Dutzend Kilowatt aus dem Netz, sobald sie fahren. Auch die Bundesnetzagentur unterstützt die Umstellung. Achim Zerres, der Abteilungsleiter Energie, resümierte auf der Tagung: „Wenn es in den Niederlanden funktioniert, gibt es keinen Grund, warum es in Deutschland scheitern muss. Machen wir uns auf den Weg.“

Der neue Solarboom könnte also durchaus noch den einen oder anderen Dämpfer erhalten. Doch die Dynamik aus sinkenden Systempreisen einerseits und steigenden Kosten für Strom aus dem Netz andererseits beschleunigt sich immer mehr. Hinzu kommt der Wunsch einiger Verbraucher nach mehr Autarkie, wenn sie nicht zuviel kostet: Mit diesen Ingredienzen lässt sich der neue Solar-Boom kaum mehr stoppen.

Jakob Schlandt
Keywords:
Solar | Solaranlage | Solarwirtschaft | PV | Phototvoltaik
Ressorts:
Governance

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