Energieeffizienz
22.07.2016

Deutscher Industrie droht Zweitklassigkeit

Foto: Wikipedia / Bertel Schmitt / CC BY-SA 3.0
Der japanische Autohersteller Toyota ist sowohl in der Produktion als auch auf der Straße ein Vorbild in Sachen Energieeffizienz.

Deutschland ist Weltmeister in Sachen Energieeffizienz, doch laut einer aktuellen Studie droht die Industrie ihre Spitzenstellung zu verlieren. Im Verkehr kommt die Heimat des Automobils sogar nur auf Rang zehn.

 

Anzeige*

Die deutsche Industrie ist dabei, einen ihrer wichtigsten Wettbewerbsvorteile zu verlieren. Das geht aus einem internationalen Vergleich der amerikanischen Industrievereinigung für Energieeffizienz ACEEE hervor. Bei der Energieeffizienz lag die Bundesrepublik in dem Ranking noch vor zwei Jahren mit weitem Abstand vor 22 anderen Nationen auf Rang eins. Nach der jüngst veröffentlichten ACEEE Scorecard 2016 aber rangiert Japan inzwischen nahezu gleichauf – dicht gefolgt von Großbritannien, Italien und Südkorea.

Tokyo hat Industriebetriebe zu strengen Einsparzielen verpflichtet und unterstützt Investitionen in Energieeffizienz durch umfangreiche Steuervorteile.

 

Energie-Audits nur halb so wirkungsvoll wie erhofft

Die Bundesregierung ruht sich dagegen immer noch auf der jahrelangen Spitzenstellung der deutschen Industrie aus. Diese Woche wurde bekannt, dass die Ausnahmen für energieintensive Unternehmen bei der EEG-Umlage in diesem Jahr weiter ansteigen. Haushaltskunden und nicht-begünstigte Unternehmen werden so mit 3,4 Milliarden Euro belastet. In ihrem Koalitionsvertrag hatten Union und SPD noch vereinbart, der Industrie Vergünstigungen nur noch gegen eingesparte Kilowattstunden zu gewähren.

Stattdessen müssen begünstigte Betriebe nur nachweisen, dass sie Einsparpotenziale von unabhängigen Gutachtern prüfen lassen. Diese sogenannten Energie-Audits bringen nach einer aktuellen Fraunhofer-Studie allerdings wenig. Die Berater würden nur wenige Sparmaßnahmen finden, von denen auch nur jede dritte umgesetzt werde. Insgesamt werde durch die Audits voraussichtlich nicht einmal halb so viel Energie eingespart, wie sich das Bundesumweltministerium in seinem Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) erhofft hatte, schreibt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA).­­

 

Beim Verkehr international nur auf Rang 10

Im Verkehr kommt Deutschland in Sachen Energieeffizienz und damit Umweltfreundlichkeit sogar nur auf Rang zehn von 23 untersuchten Staaten. Gegenüber der letzten ACEEE-Untersuchung vor zwei Jahren ist die Heimat des Automobils sogar einen Platz abgerutscht.

Die Spitzenposition teilen sich demnach Indien, Italien und Japan. Die Hersteller Fiat und Toyota setzen im Gegensatz zur deutschen Konkurrenz weniger auf die Oberklasse, sondern auf sparsamere Kompakt- und Kleinwagen. Das zeigt sich im Verbrauch. In Japan zugelassene Autos verfahren der Studie zufolge nur 5,2 Liter Sprit auf 100 Kilometer, italienische immerhin noch 6,1. Der deutsche Flottenverbrauch liegt dagegen bei stolzen 7,2  Litern auf 100 Kilometern – zumindest nach den offiziellen Prüfverfahren.

 

Kaum Investitionen in den Schienenverkehr

„Deutschlands Selbstverständnis als führende Automobilnation hat dazu geführt, dass die Regierung wenig Interesse an Investitionen in den Schienenverkehr oder andere Formen des öffentlichen Verkehrs hat“, merken die Studienautoren kritisch an. Ganz anders die Situation in Italien: Die Regierung in Rom investiere für jeden Euro in das Straßennetz 1,36 Euro in den Schienenverkehr. In Deutschland ist es genau umgekehrt, auf jeden Euro für die Straße kommen laut dem Internetportal Statista 80 Cent für die Schiene.

Japan punktet mit gesetzlichen Effizienzstandards für Lastwagen. Das Land war 2005 weltweit das erste, das solche Vorgaben einführte, in der EU existieren sie bislang nicht.

Manuel Berkel
Keywords:
Energieeffizienz | Mobilität | Verkehr | Japan | Italien | ACEEE | NAPE
Ressorts:

Kommentare

Sehr guter Artikel

Unabhängig davon, dass m.E. die deutsche Industrie schon seit geraumer Zeit zum großen Teil mit wenigen löblichen Ausnahmen zweitklassig ist, ist der Vergleich Japan - Deutschland mit der unterschiedlichen Landestopologie nicht zulässig.

Im Gebirge mit Bevölkerungsenge sind kleinere KFZ einfach nur logisch.
Auch Fiat wurde in einem ärmeren Land als Deutschland hergestellt, womit logischerweise Kleinwagen mehr Absatz finden. Allerdings werden in Italien mittlerweile nur noch wenige Fiat hergestellt, da viel ins östliche Ausland verlagert wurde.

Weiterhin ist der Flottenverbrauch in so fern fragwürdig, da Kleinwagenmotoren eine geringere Qualität aufweisen und bei schnellerer Fahrweise durchaus mehr Durst als KFZ mit größerem Motor haben (können). Stichwort: "Variable Nockenwelle".
Das Wort "Qualität" ist hier korrekt gebraucht.
------------------------------
Italien investiert momentan im Schienenverkehr viel Geld in den Brenner-Basis-Tunnel. Bei diesem wird mit schnellerem Personen- und Gütertransport geworben- nach heutigem Stand soll er glaube ich 6 Milliarden Euro kosten (Real wird's wohl das Doppelte werden). Dumm ist, dass es meines Wiussens (bitte um Prüfung!) kein Gütertransportsystem gibt, das diesen Tunnel durchfahren darf. Somit werden Gelder investiert, die für den Personenverkehr 1/2 Stunde Verbesserung bringen, aber sonst zu nichts Nutze sind.
Das Gütertransportsystem wurde unter Mehdorn ~2003 "eingefroren", um den Verkaufspreis der Bahn beim Börsengang hochzutreiben. Im Zusammenhang BBT kam heraus, dass bei anderen Schnell-Strecken in Italien viel Geld über Korruption abgeflossen ist. Aus diesem Grunde wurde nun beim BBT auch massiver politischer Druck ausgeübt: Obige Strecken sind nämlich jetzt fertig gebaut.

Deutschland macht das geschickter: Hier wird eine ICE-Strecke HH-B mit fehlerhaften Schwellen gebaut, die man nach 2 Jahren austauschen muss (Die Bauarbeiter wurden schriftlich angewiesen, diese einzubauen - meine persönliche Info).
Und der Berliner HBF (nicht Flughafen!) ist mit Scheiben gebaut, die Unikate sind (~10000 Euro/Stück) und die die Krähen regelmäßig kaputt werfen.

Unter diesen Randbedingungen Bahn-Zahlen zu vergleichen kann man denke ich vergessen, oder?

Seriosität dieses Artikels prüfen. Vergleich Äpfel mit Birnen in der Automobilindustrie......

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy September-Ausgabe 2017

Die neue bizz energy gibt es ab sofort am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de.

 
 

bizz energy Research

Individuell zugeschnittene Studien
und differenzierte Analysen sowie
kurze Reports.


Weitere Informationen finden Sie auf der Website von bizz energy Research