Kolumne
17.02.2017

Der menschliche Faktor

istockphotos.com/tonefotograf; Illustration: Valentin Kaden

In der digitalen Energie-Revolution rückt der Konsument ins Zentrum. Software, Sensoren und Halbleiter gehören zu seinen Verbündeten. Ein Kommentar von Gerard Ried. 

Bei Energiefirmen dreht sich derzeit alles um Digitalisierung, um Big Data, Clouds, digitale Windfarmen und das Internet der Dinge. Doch der Wandel auf dem globalen Energiemarkt ist noch drastischer, als es diese Klingelwörter vermuten lassen. Neue Fördertechniken haben die weltweiten Öl- und Gaspreise purzeln lassen – und in den USA die vielzitierte Schiefergasrevolution angezettelt. Auch die Kosten für Renewables sind dank technischer Innovationen rapide gesunken. Die digitale Energie-Revolution hat gerade erst begonnen, doch sie hat schon jetzt gewaltige Auswirkungen auf Geschäftsmodelle und Aktienkurse der Versorger. Die mussten rund um den Globus drastische Wertverluste hinnehmen. Kohlefirmen stehen sogar reihenweise vor der Pleite.
Software, Halbleiter, Sensoren, Solarmodule und Speicherbatterien sind zu Schlüsseltechnologien avanciert. Die Software ist das Gehirn, das Halbleiter wie Mikrochips, Leistungsregler und LEDs steuert. Die gehorchen dem Mooreschen Gesetz, bieten also ständig steigende Leistung zu sinkenden Kosten. Deshalb ist heute jedes Smartphone leistungsstärker als der beste Computer vor zehn Jahren. Dank billiger Rechenleistung können Unternehmen Energie günstiger fördern und transportieren, und die Konsumenten können sie viel effizienter nutzen als zuvor.
In der digitalen Energie-Revolution rückt der Mensch ins Zentrum: Konsumenten kontrollieren ihren Stromverbrauch zunehmend mit mobilen Apps und sparen viel Geld, indem sie günstige Tarife wählen, bei Bedarf PV-Anlagen zuschalten und ihre Batterien immer dann aufladen, wenn der Strom am billigsten ist. Für Kunden geht es also zunehmend darum, Software, Sensoren und Halbleiter für sich zu nutzen, um den Verbrauch zu analysieren und Geld zu sparen. Kostengünstige Sensoren helfen ihnen beim Messen von Wärme und Bewegung.
Das Internet der Dinge besteht aus Millionen verbundener Geräte, die gemeinsam Daten erfassen, steuern und miteinander komunizieren. Die Kombination aus  Sensoren, Halbleitern, und Software ermöglicht Smart Homes und Smart Citys genauso wie autonomes Fahren.
Die Digitalisierung hat die Öl- und Gasbranche vorangebracht, etwa durch seismologische Abbildungen, Horizontalbohrungen, digitale Ölfelder und Sensoren zur Messung während des Bohrvorgangs. Die Vereinigten Staaten von Amerika konnten ihre Öl- und Gasproduktion in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent steigern – dank Digitalisierung. Ein historisch niedriger Ölpreis von zeitweise sogar unter 50 Dollar wäre andernfalls nicht möglich gewesen.

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Unternehmen, die sich nicht verändern wollen, stehen vor einer Zerreißprobe

Eine andere Schlüsseltechnologie ist die Photovoltaik (PV), die flexibelste verfügbare Quelle zur Energieerzeugung, die auf Dächer oder Fassaden montiert oder zu großen Anlagen zusammengeschaltet werden kann.  2004 kostete ein typisches Solarmodul mit 200 Watt Leistung mehr als 1.000 Euro – heute sind es nur noch 80 Euro, und die Kosten werden weiter sinken. Dabei ist das Kernmaterial Silikon für die Produktion der Module billig und im Überfluss vorhanden: Es wird aus Sand hergestellt. Im Jahr 2000 lag die weltweit installierte Solarleistung bei nur 277 Megawatt , 2015 waren es bereits mehr als 57.000 Megawatt. Der große Nachteil dieser Technik ist die  Unbeständigkeit. Was tun, wenn es Nacht wird oder die Sonne hinter den Wolken verschwindet? Ganz klar: Die Energie muss gespeichert werden. Bis vor Kurzem waren Batteriespeicher noch zu teuer, doch das ändert sich gerade dank Kostensenkungen und technischen Verbesserungen bei Lithium-Ionen-Batterien. Getrieben wird diese Entwicklung von der Autoindustrie, die ihre Forschung auf die Verbesserung von Batterien als Kernantriebstechnologie konzentriert.
Wir müssen nicht darauf warten, dass Elektroautos auf dem Massenmarkt ankommen. PV-Anlagen mit Batteriespeicher sind in Industrieländern wie Italien und in Entwicklungsländern wie Tansania bereits gleichermaßen wirtschaftlich. Eine PV-Anlage auf ein Haus zu montieren und mit einer Batterie zu kombinieren, ist der schnellste, billigste und manchmal einzige Weg, um Menschen ohne Zugang zum Stromnetz mit Energie zu versorgen. Die Berliner Firma Mobisol hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht: Sie bietet ihren Kunden ein Pay-as-you-go-Modell an, bei dem sie die Kosten einer kombinierten PV-Speicheranlage auf monatlicher Basis per Mobiltelefon bezahlen können. 
Die Allgäuer Solarfirma Sonnen hat einen “Flatrate”-Tarif für heimische Solarspeicheranlagen eingeführt. Damit fällt die monatliche Stromrechnung für die Kunden weg, sie erzeugen stattdessen einen Großteil des benötigten Stroms selbst. Was sie darüber hinaus verbrauchen, beziehen sie aus einem virtuellen Speicher, der aus tausenden vernetzten Sonnen-Batterien besteht. Das funktioniert nahtlos – dank cleverer Software und Leistungselektronik.
Die neue digitale Energieordnung kommt schneller, als die meisten denken. Die Unternehmen, die sich nicht verändern wollen, wird dies vor eine Zerreißprobe stellen. Gleichzeitig entstehen neue Firmen wie Sonnen, Mobisol, Tesla und BYD – als Vorreiter des digitalen Wandels.

 

Gerard Reid zählt weltweit zu den Top-Experten für erneuerbare Energien. Nachdem er für die Investmentbank Jefferies die Renewables-Sparte aufgebaut hatte, nahm er eine Finance-Gastprofessur am renommierten Imperial College in London an und gründete in der Londoner City seine eigene Beratungsfirma Alexa Capital.

Keywords:
Kolumne | Digitalisierung | Software | Sensorik | Big Data | Cloud
Ressorts:
Finance

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