Martin Neubert, Dong Energy
14.09.2017

„Das ist keine Wette auf explodierende Preise“

Foto: Dong Energy
Entwickelt Windparks in der Nordsee: Martin Neubert, Geschäftsführer von Dong Energy Deutschland

Der dänische Energieversorger Dong Energy ist Offshore-Wind-Vorreiter in Europa. Deutschland-Geschäftsführer Martin Neubert verspricht Versorgungssicherheit ohne Kohle.

Öl und Gas brachten dem dänischen Energieversorger Dong Energy zuletzt kein Glück. Im ersten Halbjahr 2017 sank sein Gewinn (Ebit) um ein Drittel auf 657,3 Millionen Euro. Das Geschäft mit der Windenergie dagegen wächst. Das Unternehmen betreibt 22 Offshore-Windparks und baut derzeit sechs weitere, auch in der deutschen Nordsee. Im April hat Dong angekündigt, seine Öl- und Gassparte zu verkaufen.

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Herr Neubert, Dong Energy als staatlicher dänischer Energieversorger sagt der Kohle, dem Erdöl und dem Erdgas ade. Können Sie den Dänen allein mit Offshore-Windstrom Versorgungssicherheit garantieren?

Bei Dong Energy sichern wir die Versorgung neben dem Offshore-Wind mit zwei Elementen: Wir stellen große zentrale Heizkraftwerke, die Strom und Wärme liefern, von Kohle auf Biomasse um. Und wir vernetzen uns mit den nordeuropäischen Strommärkten. Hier spielt Wasserkraft aus Norwegen ebenfalls eine tragende Rolle. Aber es ist auch noch Atomstrom aus Schweden dabei.

Atomstrom, geliefert vom Offshore-Vorreiter Europas?

Der Atom-Anteil ist ein Wermutstropfen, wenn man in Dänemark auf seine Dong-Stromrechnung sieht, auf der die Anteile der einzelnen Quellen ausgewiesen sind. Aber die Bedeutung des Atomstroms im schwedischen Energiemix sinkt bereits deutlich, und damit auch sein Anteil am dänischen Strom. Die überragende Quelle bei uns ist Windenergie.

Dong hat sich jahrzehntelang vor allem auf Kohleverstromung verlassen, wie kam es zur Wende?

Der Klimagipfel 2009 in Kopenhagen war für uns der Auslöser, in absehbarer Zukunft aus der Kohle auszusteigen. Das war kein leichter Schritt. Wir waren zu dem Zeitpunkt führend im Bereich sauberer Kohlenutzung. Aber Kohlekraftwerke marginal sauberer zu machen, reichte uns nicht mehr. Wir wollten als Unternehmen unseren Teil der Verantwortung übernehmen für den Klimawandel. Da haben wir den Stecker gezogen…

… und auf Offshore-Wind gesetzt. Ziemlich riskant zu diesem Zeitpunkt.

Damals war tatsächlich alles andere als sicher, dass die Offshore-Windindustrie erfolgreich sein würde, und wir hatten zu diesem Zeitpunkt nur drei Projekte. Wir nahmen uns vor, das Verhältnis von 85 Prozent fossil zu 15 erneuerbar bis 2040 umzudrehen. Heute sind wir selbst überrascht, wie schnell wir die Wende schaffen. Wir liegen bereits bei einem Verhältnis von 50 Prozent erneuerbar zu 50 Prozent fossil und werden bis 2023 vollständig aus der Kohle ausgestiegen sein.

Bei der ersten deutschen Auktion für Offshore-Windparks haben Sie mit 590 Megawatt ein großes Stück vom Kuchen abbekommen – für die Zusage, Strom größtenteils subventionsfrei einzuspeisen. Das können Sie nur in der Annahme getan haben, dass die Strompreise steigen.

Für den Marktpreis der Zukunft haben wir moderat steigende Erwartungen. Das ist keine Wette darauf, dass die Stromprise durch die Decke gehen, sondern eine ordentliche betriebswirtschaftliche Kalkulation. Die Standorte sind sehr gut: Hohe Windausbeute, niedrige Wassertiefen, gute Bodenbeschaffenheit. Wir bauen in den Jahren 2024 bis 2025. Das ermöglicht uns, Windkraftanlagen zu installieren, die dann fast doppelt so leistungsstark sein werden wie die, die wir heute installieren.

Wer wird diese Riesen-Windmühlen bauen?

Mindestens drei Hersteller haben erklärt, dass sie bereits an Größenklassen über 10 Megawatt arbeiten. Momentan sind wir bei 8 bis 9 Megawatt. Im nächsten Schritt rechnen wir mit 13-15 Megawatt. Diese Skaleneffekte sind der wichtigste Hebel zur Kostenreduzierung.

Wenn die Strompreise aber deutlich unter Ihren Erwartungen liegen, könnten Sie die Parks einfach nicht bauen und die Konventionalstrafen zahlen.

Die wären aber ziemlich hoch: Bei unseren 590 Megawatt lägen wir bei 59 Millionen Euro.

Das Risiko niedriger Strompreise müssten Sie aber einkalkuliert haben.

Ja, aber das ist kein wahrscheinliches Szenario. Und sollte der Markt wirklich so kollabieren, dann ist das nicht nur ein Problem für unsere Windparks. Dann wird es allen unmöglich sein, irgendetwas zu bauen.

Wie finanzieren Sie Ihre Windparks vor?

Wir wenden seit 2009 ein Partnerschaftsmodell an, mit dem wir den Bau von Parks beschleunigen und die Windenergiegewinnung industrialisieren wollen. Wir haben beispielsweise Investoren wie Lego, die Eigenkapital investieren, wir haben mit Global Infrastructure Partner den größten Infrastrukturfonds der Welt aus den USA, und wir haben deutsche Versicherungswerke an Bord.

Wer geht mit Ihnen in die Projekte, die Sie in der ersten deutschen Offshore-Ausschreibung ersteigert haben?

Das steht noch nicht fest. Das Partnerschaftsmodell setzen wir bis mindestens 2019 fort. Dann sehen wir weiter. Unsere Finanzlage verbessert sich durch unser rasches Wachstum so stark, dass wir ein sehr hohes Volumen an Parks allein stemmen werden können.

Wieviel Liquidität für Windparks kommt noch aus Kohle-Aktivitäten von Dong Energy?

Ganz wenig. Die Kohle liefert bei uns einen positiven, aber nur ganz kleinen Ergebnisbeitrag.

Die internationale Zertifizierungsgesellschaft DNV GL kam kürzlich in einer Studie zu dem Schluss, dass Gas auf lange Sicht der wichtigste Energieträger bleibt. Wollen Sie sich wirklich ganz vom Gas verabschieden?

Wir verkaufen unsere Gasförderung, aber wir behalten Lieferverträge für Gas zum Heizen für unsere Kunden. Wir sagen auch ganz klar: Zu den Erneuerbaren brauchen wir Reservekapazitäten – ob das Speicher sind oder flexible Gaskraftwerke, ist noch offen. Wir selbst haben auf Kraftwerke mit nachhaltiger Biomasse – Holzreststoffen – umgestellt. Das funktioniert gut für uns in Dänemark, wir sehen es aber nicht als internationales Wachstumsgeschäft.

Tesla und andere bauen große Batteriespeichersysteme, um Reservekapazitäten zu schaffen. Wie halten Sie es damit?

Batteriespeicher bauen wir jetzt angebunden an einen Windpark in Großbritannien, um für den Netzbetreiber Netzschwankungen zu verhindern, aber wir sehen sie nicht als Quelle um sehr große Volumen an Energie dauerhaft zu speichern.

Ohne leistungsfähige Speicherkapazitäten aber wird es mit erneuerbaren Energien kaum Versorgungssicherheit geben. Wie wollen Sie vorgehen?

Wir werden sehen, welche Technologien sich durchsetzen. Es kann die Umsetzung von Strom in Wasserstoff für Brennstoffzellen sein oder die Umsetzung in Gas für den Wärmemarkt. Wir finden derzeit die Frage sehr spannend, wie man bestehende maritime Infrastrukturen, also Plattformen und Leitungen, für die Herstellung und den Transport von aus Strom gewonnenem Brennstoff nutzen kann. Die Niederländer arbeiten daran bereits, wenn auch erst in einem sehr frühen Stadium. Sie sagen: Offshore-Wind ist unser neues Erdgas.

Blicken wir nach Deutschland: Hier fehlen noch Leitungen, die den Windstrom von See dorthin bringen, wo er gebraucht wird. Bekommen Sie den Strom aus Ihren deutschen Offshore-Parks überhaupt vollständig ins Netz?

Die Leitungskapazitäten, um den Strom nach Norddeutschland zu bringen, reichen inzwischen aus. Zumal einige Atomkraftwerke in Norddeutschland abgeschaltet wurden. Diese Übertragungskapazitäten füllen wir wieder auf. Allerdings reichen die Übertragungskapazitäten noch nicht aus, um den Strom weiter zu transportieren. Deshalb sind Ausbauprojekte wie beispielsweise Südlink so wichtig. Und wir sollten über Alternativen nachdenken: Wir könnten den Strom aus unseren Nordsee-Windparks auch nach Dänemark oder an die Niederlande liefern – im Sinne eines gesamteuropäischen Netzes.

Christian Schaudwet
Keywords:
Dong Energy | Martin Neubert | Dänemark | Offshore Windenergie | Ausschreibung
Ressorts:
Finance | Governance | Markets

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