Schwarmfinanzierung
31.08.2017

Crowdfunding: „Exponentielle Wachstumsschritte“

Foto: Bettervest
Patrick Mijnals, Gründer der Crowdfunding-Plattform Bettervest

Im Interview mit bizz energy spricht Patrick Mijnals, Gründer der Plattform Bettervest, über die aktuellen Trends beim Crowdfunding. Im ersten Halbjahr 2017 wuchs das Schwarmfinanzierungs-Volumen für erneuerbare Energien und Energieeffizienz zwar kräftig, erreichte in absoluten Zahlen aber nur 4,7 Millionen Euro.

Herr Mijnals, selbst die GLS Bank und der Eon-Konzern haben sich eigene Crowdinvesting-Plattformen zugelegt. Wie wird das Ihre Branche verändern?

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Es zeigt zumindest, dass die Branche erwachsen wird, dass auch etablierte Player daran glauben, dass diese Finanzierungsform einen Zweck erfüllt und Zukunft hat. Und es zeigt, dass auch andere anerkennen, dass Crowdfunding eine Finanzierungslücke schließt und die Energiewende voran bringt. Mit diesen neuen Playern werden auch ganz neue Zielgruppen auf Seite der Investoren, aber auch der Projektinhaber an Crowdfunding herangeführt. Das wird letztlich dazu führen, dass das Phänomen Crowdfunding wirklich in der Mitte der Gesellschaft ankommt und sein volles Potenzial entfaltet.

Wird nun eine Konsolidierungswelle über Pioniere wie Sie hinwegrollen?

Die Konsolidierung findet bereits statt. Einige Plattformen, die mit uns gestartet sind, existieren nicht mehr. Ich glaube aber nicht an eine große Konsolidierung. Der Markt wird bunt und vielfältig bleiben. Allein der Energiesektor ist groß genug für mehrere Plattformen. Und es gibt auch immer noch Neugründungen.

Im ersten Halbjahr 2017 hat ihre Branche mit 4,7 Millionen mehr als doppelt so viel Kapital wie im Vorjahr für erneuerbare Energien und Energieeffizienzprojekte eingesammelt. Welche Wachstumsraten erwarten sie für die Zukunft?

Die globale Energiewende bedarf Billion-Investitionen. Natürlich wird nur ein kleiner Teil davon über Crowdfunding finanziert werden, aber wir gehen für die nächsten Jahre weiterhin von exponentiellen Wachstumsschritten aus, wenn die zukünftigen gesetzlichen Rahmenbedingungen das Crowdfunding nicht beschränken.

Gibt es eine absehbare Wachstumsgrenze?

Für uns jedenfalls nicht. Wir vermitteln immer mehr Projekte in Schwellen- und Entwicklungsländern. Dort ist ein gigantischer Umbau des Energiesystems im Gange. Auch in Deutschland ist die Energiewende noch lange nicht abgeschlossen. Es gibt also auch hier für uns noch viel zu tun.

Warum sind Sie in Entwicklungs- und Schwellenländern aktiv geworden?

Wir wollen einen maximalen sozialen und ökologischen Impact erreichen. Und der ist bei Projekten in Entwicklungsländern um den Faktor X größer als in Deutschland.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung von Bettervest?

Ja, durchaus. Unser Ziel war es, einen möglichst hohen sozialen und ökologischen Impact zu erzeugen. Die von uns vermittelten Projekte haben bislang 60.000 t CO2 eingespart. Insofern: Ziel erreicht!

Sie wollten aber 2016 erstmals schwarze Zahlen schreiben. Warum wurde daraus nichts?

Ziel knapp verfehlt. Die neuen Anlegerschutzregeln waren anfangs nicht eindeutig. Dadurch haben wir vier Monate lang keine Projekte mehr vermittelt und sind ins Hintertreffen geraten.

Was ist Ihre Einnahmequelle?

Wir verdienen an jeder erfolgreich vermittelten Investition eine einmalige Provision von zehn Prozent. Hinzu kommt ab dem zweiten Jahr der Vertragslaufzeit eine jährliche Handling-Gebühr von einem Prozent der Funding-Summe, und zwar für die Administration der Investitionen und die Abwicklung der Rückzahlungen.

Von über 50 Bettervest-Investitionsprojekten sind bislang zwei zurückgezahlt und zwei pleite, beziehungsweise insolvent. Was sagt dies über das Risiko?

Für eine Bilanz ist es noch zu früh, denn die durchschnittliche Projektlaufzeit liegt bei sieben Jahren. Aber wir sagen auch immer wieder und weisen ausdrücklich darauf hin, dass ein Totalverlust möglich ist. Wir wollen, dass dies jedem Investor klar ist.

Was machen Sie, damit sich keine unseriösen Geschäftemacher Ihrer Plattform bedienen?

Die von uns vermittelten Projekte müssen einerseits eine Energieberatung vorlegen sowie andererseits Wirtschaftlichkeitskennzahlen veröffentlichen, anhand derer der Investor seine Anlageentscheidung treffen kann.

Viele der Projekte bei Bettervest haben eine Verzinsung um sieben Prozent. Das bedeutet grob kalkuliert für den Anleger, dass nur eines von vier Projekten ein Totalausfall sein darf, wenn er ohne Verlust aus seinen Investitionen herauskommen will. Kann und wird das klappen?

Wir können und dürfen nichts garantieren. Aber wir hätten in den letzten fünf Jahren nicht mit so viel Herzblut und Engagement am Aufbau der heute führenden Plattform in diesem Bereich gearbeitet, wenn wir nicht daran glauben würden. Rein handwerklich haben wir das Modell so konstruiert, das Totalausfälle soweit wie möglich vermieden werden beziehungsweise die Ausfallhöhe reduziert wird. So führt die annuitätische Tilgung - also jährliche Teiltilgung - dazu, dass ein Totalverlust nur im ersten Jahr droht und sich dann die mögliche Verlusthöhe sukzessive über die Vertragslaufzeit verringert. Die Zinssätze und Laufzeiten werden den Ergebnissen der Energieberatung entsprechend auch immer so gewählt, dass sie von den energetischen Maßnahmen selbst generiert werden und theoretisch keines zusätzlichen Wachstums der finanzierten Unternehmen bedürfen, um das Darlehen zurückzuführen. Und natürlich kann der Anleger mit einer möglichst breiten Diversifizierung selbst sehr viel beitragen, um das Risiko zu minimieren. Darum ermöglichen wir Investition in einzelne Projekte bereits ab 50 Euro – ohne Ausgabeaufschläge oder sonstige Kosten für den Investor.

Seit zwei Jahren überragen Immobilienfinanzierungen den Crowdinvesting-Markt mit einem Anteil von 80 Prozent. Wie wirkt sich das auf ihr Segment aus?

Grundsätzlich sehe ich das als Chance für uns und die Branche. Denn für die breite Bekanntheit von Crowdfunding in der Öffentlichkeit ist das zunächst einmal gut. Ich würde mir natürlich wünschen, dass all diese Immobilienprojekte auch nach den strengsten Nachhaltigkeits- und Energiestandards errichtet würden oder diese im besten Fall sogar übererfüllen. Beim Thema Energie liegt darüber hinaus aber gerade im Gebäudebestand ein gigantisches Potenzial. Aktuell haben wir darum gerade selbst auch die ersten energetischen Immobiliensanierungs-Projekte in Vorbereitung.

Thomas Bauer
Keywords:
Crowdfunding | Bettervest | Patrick Mijnals
Ressorts:
Finance

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