Mobilität
14.02.2017

Completely knocked down

Illustration: Valentin Kaden
Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer rechnet für den Fall von US-Importzöllen mit einer Ausweichstrategie der Hersteller.

Mit kurzatmigen Deals und hohen Schutzzöllen wird Donald Trump die globale Autoindustrie in den nächsten Jahren umkrempeln. Eine Kolumne von Ferdinand Dudenhöffer. 

Das sogenannte Weltwirtschaftsforum in Davos bot ein reichlich skurriles Bild: Chinas Staatspräsident Xi Jinping hielt eine flammende Rede zur Bedeutung des freien Warenverkehrs. Ausgerechnet Xi, der Chinas Binnenproduktion mit Einfuhrzöllen von 30 Prozent auf Autos schützt. Offensichtlich aber sind auch ihm die 140-Zeichen-Twitter-Botschaften des neuen US-Präsidenten Donald Trump nicht geheuer.

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Volkswagen einigte sich gerade noch rechtzeitig vor Trumps Vereidigung mit den US-Justizbehörden über die größten Baustellen des „Dieselgate“, die der frühpensionierte Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn hinterlassen hat. Der musste am 19. Januar vor dem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags erscheinen – und hielt sich bedeckt. „Auch ich suche bisher nach befriedigenden Antworten“, gab er lapidar zu Protokoll und ging mit seinen Anwälten nach Hause. Das grenzte an Veralberung – in den USA wäre es anders gelaufen. Winterkorn hat Belastungen von mehr als 20 Milliarden Euro hinterlassen. Möglicherweise muss der Konzern weitere zehn Milliarden Euro als Schadenersatz an VW-Aktionäre zahlen. Winterkorn gehört ins Guinness-Buch der Rekorde: Kein Chef der Welt hat seinem Unternehmen je zuvor einen so gewaltigen Schaden zugefügt.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Bei VW ist eine neue Zeit angebrochen. Die Konzernwelt unter Winterkorn und Ex-Aufsichtsrat Ferdinand Piëch beschrieb der Spiegel einmal treffend als „Nordkorea nur ohne Arbeitslager“. Jetzt spürt man die Befreiung, der neue VW-Lenker Matthias Müller hat völlig neue Entscheidungsstrukturen eingezogen. Kreativität erhält eine Chance, die neue Freiheit bei VW kann Berge versetzen. Themen wie Elektroautos und Fahrdienste á la Uber stehen ganz oben auf der Agenda. Trotz der größten Krise der Konzernhistorie hat VW sogar Toyota als weltgrößten Hersteller überholt. Aus dem auf vier Räder fixierten Autobauer wird gerade ein Mobilitätskonzern.

 

Trump setzt auf Deals mit Vorständen

Welche Rolle spielt künftig Donald Trump? Der neue US-Präsident definiert neue, sonderbar anmutende Regeln – und setzt auf Deals mit Vorständen, zum Beispiel mit Fiat Chrysler-Chef Sergio Marchionne. Auch dem sitzt jetzt die US-Umweltbehörde EPA im Nacken; sie hegt den Verdacht, dass Fiat Chrysler bei mehr als 100.000 Diesel-Fahrzeugen in den USA eine Schummelsoftware einsetzt und deutlich zu hohe Stickoxid-Emissionen in die Luft bläst. Das erinnert stark an VW, aber Marchionne ist zuversichtlich, dass sein Konzern viel weniger bluten wird. Er tönt sogar: „Wer uns mit VW vergleicht, hat was geraucht.“ Das hätte Trump nicht besser twittern können.

Was macht Marchionne so zuversichtlich? Der Mann ist als gelernter Investmentbanker ein Fan schneller Deals – wie Trump. Beide sind ähnliche Charaktere, und es ist gut möglich, dass sie sich auch bereits telefonisch verständigt haben. In jedem Fall ist Fiat Chrysler Trump entgegengekommen und hat verkündet, Tausende neue Stellen in den USA auf Kosten von Mexiko zu schaffen. Im Gegenzug setzt Marchionne darauf, dass Trump sein Wahlkampfversprechen hält und die EPA auflöst – bevor sie Fiat Chrysler gefährlich werden kann.

 

Innovationen werden auf der Strecke bleiben

Solche schnellen Deals werden die Trump-Jahre prägen. Langfristige, nachhaltige Konzepte wird Trump verwerfen, seine Redenschreiber werden zur Begründung vielleicht Keynes zitieren: „In the long run, we are all dead“. Allein: Mit kurzatmigen Deals und Gegengeschäften wird Trump keine Anreize für Innovationen setzen, sondern auf ausgetrampelten Wegen marschieren.

In Trumps Welt passt der Brexit wunderbar. Der EU-Austritt muss für die englische Autoindustrie nicht das schlechteste Szenario sein. Eine US-britische Zollunion würde etwa Jaguar Landrover die Chance geben, seine Erfolgsgeschichte in Amerika auch ohne eigenes US-Werk fortzusetzen. Ohnehin ist der Konzern im Premiumsegment bereits seit Jahren ein Überflieger. Das niedrige Pfund und überschaubare Importhemmnisse machen Jaguar Landrover gegenüber Audi oder Porsche wettbewerbsfähiger.

 

Eine Strategie aus Entwicklungsländern für die USA

Trumps Motto „America First“ wird die globale Autoindustrie verändern, es ist mit hohen Schutzzöllen zu rechnen. Als Folge werden alle Hersteller in den USA produzieren müssen, wenn sie ihre Absatzchancen dort wahren wollen. Immerhin benötigen sie nicht unbedingt eine Komplettfabrik, sondern nur sogenannte Completely Knocked Down Kits (CKD). Dabei werden Autos in Einzelteilen in Kisten verpackt und dann im Verkaufsland an einer Montagestraße zusammengesetzt. CKD ist die Ausweichstrategie, um hohe Zölle zu umgehen. Es werden zwar einige Arbeitsplätze im Verkaufsland geschaffen, um die Regierung zu befrieden – aber die Kostenstrukturen bleiben überschaubar. CKD war bislang ein Konzept für Geschäfte in Entwicklungsländern. Künftig wird es Teil der Lebensrealität in Trumps Amerika.

Über den Autor: Ferdinand Dudenhöffer, seit 2012 regelmäßiger bizz-energy-Kolumnist, ist Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Keywords:
Fiat Chrysler | Jaguar Landrover | Mobilität | VW
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