ÖPNV
31.08.2017

Elektrobusse: Starke Nachfrage, aber kaum Angebot aus Deutschland

Foto: Creative Commons/A.Fiedler
Ein "Urbino Electric" des polnischen Herstellers Solaris im Einsatz bei den Berliner Verkehrsbetrieben

Viele Verkehrsbetriebe wollen Elektrobusse, doch große deutsche Hersteller können noch keine liefern. Wettbewerber wie Solaris aus Polen nutzen die Gunst der Stunde.

Kommunen in Deutschland suchen händeringend nach elektrischen Alternativen zu den dieselbetriebenen Stadtbussen ihrer Verkehrsbetriebe – verunsichert nicht zuletzt von der Debatte um Feinstaub und Stickoxide. Doch die großen deutschen Hersteller sind in Sachen Elektrobus blank. Die Platzhirschen Daimler und MAN können voraussichtlich erst im kommenden Jahr erste Serienfahrzeuge liefern.

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Die Schwäche der deutschen Konzerne kommt dem vergleichsweise kleinen Hersteller Solaris Bus & Coach im polnischen Posen gerade recht. Bisher setzen kommunale Verkehrsbetriebe in Deutschland seinen seit 2011 in Serie produzierten „Urbino electric“ erst probeweise ein, aber Solaris-Sprecher Matteusz Figaszewski rechnet damit, dass sich das bald ändert: „Wir erwarten bald größere Bestellungen aus Deutschland, ebenso aus Polen.“

 

Erste Großaufträge 2018

 

Auf Solaris’ Heimatmarkt plant die Stadt Krakau für 2018 die Anschaffung von 150 Fahrzeugen, Warschau will 130 kaufen. Insgesamt prognostiziert Solaris für das kommende Jahr einen E-Bus-Absatz von 300 Stück. „Der Markt kommt jetzt in die Wachstumsphase“, sagt Figaszewski. Der erste deutsche Großauftrag könnte aus Hamburg kommen. Ab 2020 will die Stadt nur noch emissionsfreie Busse anschaffen. (Lesen Sie auch: Russland will Städte mit Batterie-Bussen ausrüsten)

 

In der Hansestadt fahren testweise bereits zwei elektrische Urbinos, deren Reichweite von Brennstoffzellen vergrößert wird. E-Busse aus Posen sind außerdem in Berlin, Braunschweig, Dresden, Hamburg, Hannover und Oberhausen unterwegs.

 

Städte drängen Hersteller

Solaris bietet seinen elektrischen Urbino in drei Varianten von 8 bis 18 Meter Länge an. Die Batterien lassen sich sowohl via Kabel laden als auch über einen Lademast auf dem Dach, der den Pantographen elektrischer Lokomotiven ähnelt. In Braunschweig und Berlin werden die Batterien der Busse berührungsfrei per Induktion mit Strom versorgt. Auf der jüngsten IAA Nutzfahrzeuge in Hannover wurde das Modell zum „Bus of the Year 2017“ gekürt. Der polnische Mittelständler ist für deutsche Verkehrsbetriebe kein Unbekannter: Rund 3000 überwiegend dieselbetriebene Solaris-Busse fahren hierzulande schon.

 

Mehr als 20 Städte zwischen Hamburg und München experimentieren gegenwärtig mit elektrischen Bussen, doch traditionelle deutsche Hersteller haben die Nachfrage offenbar nicht kommen sehen: Sieben Großstädte wollen einem Bericht des „Spiegel“ zufolge nun gemeinsam Druck auf die heimischen Omnibusbauer ausüben, damit diese die Entwicklung alltagstauglicher E-Modelle beschleunigen.

 

Feuer im Werk bremst Sileo in Salzgitter

 

Unterdessen gehen Wettbewerber nicht nur in Polen, sondern auch in anderen europäischen Ländern voran: Volvo in Schweden, Linkker in Finnland sowie VDL in den Niederlanden und Van Hool in Belgien liefern betriebsbereite Fahrzeuge. (Lesen Sie auch: Die niederländischen Gemeinden Eindhoven und Helmond stellen ihre Busflotten auf Elektroantrieb um)

 

Und als wäre das heimische Angebot nicht spärlich genug, hat Ende August ein Großbrand den noch jungen Hersteller Sileo in Salzgitter zurückgeworfen. Die jüngst bestellten zehn E-Busse für die Verkehrsbetriebe Hamburg Holstein fristgerecht zu liefern, dürfte dem zur deutsch-türkischen Bozankaya-Gruppe gehörenden Unternehmen schwerfallen.

 

Absagen an Verbrennungsmotor

 

Für die hiesigen Hersteller drängt die Zeit: Noch ist der Elektro-Anteil an den Nahverkehrs-Busflotten europäischer Großstädte zwar winzig, und vor allem in Deutschland ist ungeklärt, wer die hohen Kosten der Ladeinfrastruktur übernimmt. Dennoch könnte die Nachfrage dürfte in den nächsten Jahren explodieren: London, Amsterdam, Brüssel, Paris und Moskau haben angekündigt, zwischen 2020 und 2025 reguläre Verbrennungsmotoren komplett aus ihren Bus-Fuhrparks zu verbannen. Der Bedarf an Diesel-Bussen dürfte entsprechend nachlassen.

Christian Schaudwet
Keywords:
Elektromobilität | ÖPNV | Omnibus | Solaris
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

Kommentare

Solange die Rohstoffe für Batterien aus Bergwerken stammen, in denen Kinder wie Sklaven zur Arbeit gezwungen werden, geht da gar nix.

Van Hool is Belgisch, nicht Niederländisch.

für Ihren Hinweis - wir haben korrigiert.

Es gibt auch andere E-Busse, die es schon seit Jahrzehnten in einigen Städten gibt und sich schon lange bewährt haben. Oberleitungsbusse! Solaris stellt auch diese schon sehr lange her und in Städten (Eberswalde, Mexiko-Stadt!) die keine Strassenbahn u.a. wegen vieler Steigungen, haben im Innenstadtverkehr sind sie eine günstigere Alternative. Ich denke, dass hier noch viel mehr getan werden kann, statt sich zu sehr auf die teuren Batterien zu konzentrieren. Auch der EVO-Bus von Mercedes mit Brennstoffzelle ist eine anderes Beispiel. Ich finde es schade, dass nicht gleich auf mehr Alternativen hingewiesen wird. Es gibt ja schliesslich einige.
Ich hoffe das regt zur Diskussion an.

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