Mobilität
05.05.2017

„Autonomes Fahren ist eher ein Risiko“

Foto: Jutta Maier
Moia-Geschäftsführer Robert Henrich

Robert Henrich, COO der VW-Tochter Moia, fordert die Kooperation von Städten, Verkehrsunternehmen und Automobilindustrie, um Pooling-Services auf die Straße zu bringen.

Der Geschäftsführer der Volkswagen-Tochter Moia sieht großes Potenzial für Pooling-Shuttleservices in Deutschland. „Was wir vorhaben, wird in den Städten einen starken Unterschied machen. Insofern ist es aus Sicht von VW verschmerzbar, dass andere im Moment im Carsharing noch größer sind“, sagte Robert Henrich bei der Hauptstadtkonferenz Elektromobilität in Berlin mit Blick auf die bereits gestartete Konkurrenz.

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Der öffentliche Nahverkehr und der motorisierte Individualverkehr (MIV) müssten und würden zusammenwachsen, prognostizierte der Manager, der einst als CEO der Daimler-Tochter Mobility Services den Carsharing-Dienst Car2Go aufbaute. „Es ist Zeit, die alten Gräben zwischen Schiene und Straße, sowie ÖPNV und MIV zu überwinden. Letztere werden künftig nicht mehr unterscheidbar sein“, sagte Henrich.

Start von Moia unbekannt

Über Moia ist bisher nur wenig bekannt. Die Marke wurde im Dezember 2016 als eigenständiges Unternehmen unter dem Dach des VW-Konzerns in Berlin gegründet – mit dem Ziel, bis 2025 einer der weltweit führenden Mobilitätsdienstleister zu werden. Nach Abgaben von VW steht dabei die Entwicklung eigener, IT-basierter On-Demand-Angebote wie etwa Ride Hailing oder Pooling-Services im Fokus. Zu diesem Zweck will Moia auch in digitale Startups investieren und mit Städten und etablierten Verkehrsanbietern kooperieren. Der Fokus soll dabei auf elektrifizierten Fahrzeugen liegen. Henrich wollte sich am Mittwoch jedoch weder zum Startzeitpunkt des Dienstes noch zu möglichen Städten äußern, in denen Moia den Betrieb aufnehmen könnte.

Individual-Fahrservices wie Uber oder autonome Fahrzeuge sind aus Sicht von Henrich hingegen nicht geeignet, um das Problem steigender Autozahlen in Deutschland den Griff zu bekommen. Die Zahl der PKW stieg 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 4,5 Prozent – das ist ein höherer Zuwachs als beim öffentlichen Nahverkehr. „Die Dominanz des Autoverkehrs ist ungebrochen, und innerhalb dessen ist der Anteil von Elektromobilität marginal“, kritisierte der Moia-Chef.

Studien hätten gezeigt, so der Manager, dass die exklusive Nutzung von Taxi-Diensten wie Uber für nur einen Fahrgast zu einer Verdopplung des Verkehrsvolumens führen könne. Auch autonome Fahrzeuge seien eher ein Risiko: „Wir haben heute die unerwünschte Situation, dass nur eine Person im Auto sitzt“, sagte Henrich. „Das könnte morgen in die noch unerwünschtere Situation umschlagen, dass gar keine Person mehr im Auto ist, weil der eine Ehepartner zur Arbeit fährt und das Auto dann nach Hause schickt, damit der andere Ehepartner es verwenden kann.“

Der einzige Hebel, um das Problem der geringen Auslastung von Autos zu bewältigen, liegt aus Sicht des Moia-Chefs deshalb im Pooling, also der gemeinsamen Nutzung von Fahrzeugen. „Damit nimmt man die Kernidee des ÖPNV auf und überträgt sie auf den individuellen Straßenverkehr“, sagte Henrich. Mithilfe der Digitalisierung des Angebots und dem Einsatz kleinerer Fahrzeuge, die von den Fahrgästen per App gerufen und die sie individuell an ihrem Ziel absetzen, entstehe dann „etwas völlig Neues“.

"Die Regulierung ist ein Hemmnis"

Auf dem Weg dorthin seien allerdings noch einige Hürden zu überwinden. Dazu zähle unter anderem das Erreichen einer kritischen Masse sowie eine umfangreiche Lade-Infrastruktur. „Wir brauchen eine große Zahl an Ladepunkten mit einer Leistung von mindestens 100 kW. Davon gibt es bisher noch in keiner Stadt ausreichend viele“, stellte Henrich fest. Ein weiteres Dilemma sei die Regulierung, die einem Flickenteppich gleiche, unberechenbar sei und die Entwicklung von Pooling-Diensten hemme. Und nicht zuletzt müssten sich Städte, Verkehrsunternehmen und Automobilindustrie in der neuen Welt als Partner begreifen.

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) dürfte er damit auf offene Ohren stoßen: Deren Chefin Sigrid Nikutta kündigte bei der Hauptstadtkonferenz an, dass die BVG demnächst einen Pool-Verkehr anbieten werde, der sich individuell per App buchen lasse. Bei der BVG heißt es auf Anfrage von bizz energy allerdings, dass noch keine Entscheidung für einen Partner gefallen sei. Man plane aber, noch in diesem Jahr zu starten.

Unterdessen hat sich die Konkurrenz bereits in Stellung gebracht. Clever Shuttle, der erste, behördlich genehmigte Ridesharing-Fahrdienst in Deutschland, will die Zahl seiner Fahrzeuge demnächst verdreifachen. Der Dienst, der über eine App bestellbar ist und mehrere Passagiere per Elektro- oder Hybridfahrzeug mit ähnlichen Zielen gemeinsam befördert, ist bislang in Berlin, München und Leipzig verfügbar und wird von der Deutschen Bahn unterstützt. Im Sommer startet er auch in Hamburg und Frankfurt. Clever Shuttle hat eine Sondererlaubnis, normalerweise verbietet das Personenbeförderungsgesetz eine solche Sammelbeförderung. Ein ähnliches Konzept verfolgt auch der Berliner Fahrdienst Allygator Shuttle, der Menschen in Kleinbussen für 5 Cent pro Kilometer an ihr Ziel transportiert.

Jutta Maier
Keywords:
Volkswagen | Moia | Pooling-Services | Clever Shuttle | BVG | Elektroautos
Ressorts:
Markets

Kommentare

In vielen Ländern, insbesondere Drittweltländern gibt es Kleinbus-Shuttle Services. Der Bus-Besitzer hat für eine bestimmte Route eine Lizenz und fährt auf eigene Rechnung. Es gibt zwar keine App zum Buchen, aber wer mitfahren will stellt sich an die Straße und hält den Daumen raus. hat der Bus Platz hält er an und nimmt einen mit. hat er keinen platz muss man bis zum nächsten Bus warten, selten länger als 10 Minuten. Ausgewählte Plätze sind eine Art Hub wo mehrere Bus-Routen zusammen kommen. Dort kann man umsteigen. Nothing New under the Sun. Aber für Deutsche ist das ja eine bahnbrechende Innovation, wou.

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