Interview
08.12.2016

"CCS wird sich bei uns nicht groß durchsetzen"

Foto: Bundesregierung/ Sandra Steins

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks über die Verkehrswende, CCS und den Klimagipfel in Marrakesch.

 

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bizz energy: Kommt jetzt die Verkehrswende, Frau Hendricks?

Barbara Hendricks: Klar ist, dass die Autobauer sich umstellen müssen. Die Energiewende machen wir ja schon seit gut zwölf Jahren, mit der Verkehrswende fangen wir aber gerade jetzt erst an. Bis 2030 muss dieser Sektor rund 40 bis 42 Prozent an Emissionen einsparen – im Verhältnis zu 1990. Das haben wir im Klimaschutzplan erstmalig als Sektor-Ziel vorgegeben. Insgesamt wollen wir die Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent drücken. Und wenn ein Sektor das nicht schafft, muss ein anderer mehr tun. Für den Verkehr gilt: Er ist praktisch noch auf dem gleichen Stand wie 1990, alleine könnte er die 55 Prozent gar nicht erreichen.

Woran liegt das?

Das liegt daran, dass zwar die einzelnen Motoren effizienter geworden sind, zugleich aber die Autos größer. Außerdem hat der Verkehr in den letzten 25 Jahren zugenommen. Und die Automobilindustrie hat sich nicht frühzeitig um das Thema Dekarbonisierung gekümmert, obwohl diese Anforderung seit langem absehbar war. Die Verkehrswende ist also eine enorme Herausforderung.

Ist die Autoindustrie Ihrer Meinung nach auf dem richtigen Kurs?

Die Automobilindustrie ist jetzt endlich dabei, E-Mobilität mehr zu puschen, als dies bisher der Fall war. Die Autobauer haben angekündigt, bis 2020 das Marktangebot an voll-elektrischen Fahrzeugen zu vergrößern. Die Plug-In-Modelle sind ja schon heute ganz gut am Markt vertreten. Aber in der Tat ist die deutsche Automobilindustrie im Verhältnis zu den Herstellern in anderen Ländern ganz schön spät dran.

Liegt die Zukunft also beim Batterieantrieb?

Nicht nur. Verbrennungsmotoren sind ja nicht per se schlecht. Es wäre ja zum Beispiel möglich, Erdgasantriebe weiter zu entwickeln, um dann später aus erneuerbaren Energien gewonnenes, synthetisches Gas zu tanken. Ich habe auch nichts gegen die Brennstoffzelle. Kurzum: Die Autobranche muss sich entscheiden, in welche Richtung sie gehen will und dann zusammen mit Partnern dafür sorgen, dass die entsprechenden Antriebe auch versorgt werden.

Anstatt Emissionen zu reduzieren, könnten sie auch aus der Atmosphäre geholt und im Boden gespeichert werden. Was halten Sie von der als CCS bekannten Technik?

CCS wird sich bei uns nicht groß durchsetzen. Das hat einen einfachen Grund: Für die Energiewirtschaft brauchen wir kein CCS. Denn an die Stelle von Treibhausgas produzierenden Kohlekraftwerken treten die Erneuerbaren. Ich will allerdings nicht ausschließen, dass wir in dem ein oder anderen Produktionsprozess, wie beispielsweise in der Stahl- oder in der Zementindustrie, CCS brauchen könnten.

Welche Alternativen gibt es?

Ich glaube, wir sind schon wieder einen Schritt weiter, nämlich bei CCU (Carbon Capture and Usage, Anmerk. Red.), also Kohlenstoff einfangen und nutzen. Daran wird derzeit geforscht. Das könnte ein nützliches Verfahren in der Chemieindustrie und auch bei Stahl und Zement werden. Da bin ich sehr zuversichtlich, dass wir in den kommenden 15 Jahren wirkliche Fortschritte in der Forschung erzielen – und zwar sowohl in den Unternehmen als auch durch öffentliche Gelder.

Und was halten Sie von Geo-Engineering?

Da bin ich sehr skeptisch. Wir sollten uns hüten, die Klimaprobleme dadurch lösen zu wollen, indem wir noch tiefer in grundlegende Prozesse des Erdsystems eingreifen.

Während des Weltklimagipfels in Marrakesch haben 365 US-Unternehmen einen Appell an Donald Trump gerichtet, auf Klimakurs zu bleiben. Welche Wirkung geht für Sie von solchen Initiativen aus?

Ganz ehrlich: Das beruhigt mich natürlich. In gleicher Weise hat sich auch US-Außenminister John Kerry bei seinem Besuch auf dem Gipfel geäußert und gesagt: Die große Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner will Klimaschutz. Die US-amerikanische Wirtschaft will es auch, weil sie ja weiß, dass sie andernfalls technologisch und wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten könnte. Außerdem wissen wir, dass Bundesstaaten wie beispielsweise Kalifornien dem Klimaschutz verpflichtet sind und auch alles dafür tun.

 

Das Interview ist in der aktuellen Dezember/Januar-Ausgabe von bizz energy erschienen. 

Interview: Jana Kugoth
Keywords:
CCS | Barbara Hendricks | Geoengineering | Verkehrswende | Elektroautos | Wasserstoff
Ressorts:
Governance

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