Biokraftstoffe
18.08.2016

Brasiliens Zucker-Autos

Foto: mspoli/istock.com (beide)

Auch wenn Ausrichter Brasilien beim olympischen Medaillenspiegel abgeschlagen auf den hinteren Plätzen liegt – in einer Disziplin ist das lateinamerikanische Land Weltklasse: Es ist der weltgrößte Exporteur von Bioethanol aus Zuckerrohr.

 

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Während Brasilien bei den Olympischen Spielen bislang nur drei Goldmedaillen holen konnte, ist das lateinamerikanische Land in einem anderen Bereich führend: Brasilien ist weltweit der größte Exporteur von Bioethanol aus Zuckerrohr.  

Im Rekordjahr 2015 hat die Industrie einen weiteren Spitzenwert erreicht: Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Exporte von Ethanol zwischen April und Juni um 121 Prozent auf 449 Millionen Liter, insgesamt lagen sie bei knapp zwei Milliarden Liter. Das ergab eine Auswertung des Verbandes des Zuckerrohrindustrie Unica. Nach Angabe der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft (GTAI) liegt das vor allem am starken Dollar und daran, dass in Kalifornien neue Anreize zur Nutzung von Biokraftstoffen geschaffen wurden.

Auch innerhalb des Landes stieg die Nachfrage nach dem alternativen Kraftstoff beträchtlich: um 37,5 Prozent auf 18 Billionen Tonnen. Gleichzeitig wurden rund 7,3 Prozent weniger Benzin getankt. Seit Beginn dieses Jahres ist der Konsum jedoch wieder leicht zurückgegangen.

Dass die Brasilianer im vergangenen Jahr an der Zapfsäule verstärkt zum Bioethanol griffen, lag nicht zuletzt an der seit dem Frühjahr suspendierten Staatspräsidentin Dilma Rousseff. Unter ihr „wurden die Benzinpreise ab 2010 lange Zeit kontrolliert, um die Inflation zu bekämpfen“, sagt der zuständige GTAI-Mitarbeiter Edwin Schuh. Er berichtet aus der größten Industriestadt Sao Paulo über den Ethanolmarkt. Im vergangenen Jahr strich Rousseff jedoch die Subventionen. „Ab 2015 wurden die Benzinpreise wieder angehoben, weshalb Konsumenten stärker auf Ethanol umschwenken.“

Außerdem wirkt  die Übergangsregierung über einen zweiten Hebel auf die Ethanol-Industrie. Reines Benzin ist in Brasilien nicht mehr zu haben, sondern nur noch eine Beimischung mit wasserfreiem Ethanol. Feste Quoten für die Mischung gibt es nicht. Die Regierung behält sich vor, die Beimischungsquoten den aktuellen Ernteergebnissen anzupassen, um so Preisschwankungen zu verhindern.

 

Anfänge während der Ölkrise

Brasilien setzt schon lange vor den jüngsten Entwicklungen der internationalen Klimapolitik auf den alternativen Kraftstoff. Während der Ölkrise in den 1970er-Jahren hob die brasilianische Regierung ein üppiges Förderprogramm aus der Taufe. In der Industrie sah sie nicht nur einen Pluspunkt in puncto Klimaschutz, sondern vor allem einen Jobmotor. Mit den Subventionen wollte die Regierung damals die heimische Wirtschaft stärken und sich unabhängig von Erdölimporten machen.

Heute sind deshalb neun von zehn Autos mit der sogenannten Flex Fuel Technologie ausgestattet. Das heißt: Sie können sowohl Benzin als auch Ethanol tanken. Insgesamt können Autokäufer aus mehr als 200 Modellen wählen, auch die deutschen Autokonzerne VW, Audi, Mercedes und BMW bieten entsprechende Fahrzeuge auf dem Markt an. „Die Konsumenten wägen je nach aktuellem Preis für Benzin als auch für Ethanol ab, welchen Kraftstoff sie tanken“, sagt GTAI-Brasilien-Experte Schuh. Weil der Alkohol 30 Prozent weniger Reichweite hat als Benzin, rechnet er sich dann, wenn die Kosten etwa 70 Prozent unter denen von Benzin liegen.

Zuletzt schnitt der Biokraftstoff im Vergleich mit Benzin allerdings schlecht ab. Denn 2015 fiel die Zuckerrohrernte schlecht aus, der Zuckerpreis auf dem Weltmarkt stieg – und damit auch der Preis für den Liter Ethanol. Im laufenden Jahr werden die Brasilianer für ihre FlexFuel-Pkw deshalb nur noch 28 Prozent statt 30 Prozent Ethanol tanken, schätzt das Beratungsunternehmen Agroconsult. 

 

Tank-oder-Teller vs. Tank-für-den-Teller

In Deutschland ist die Verwendung von Bioethanol umstritten. Zwar weist der Alkohol bei der Verbrennung im Tank eine neutrale CO2-Bilanz auf. Die Pflanzen haben zuvor genauso viel CO2 aufgenommen, wie sie dann wieder freisetzten. Allerdings werden bei der Herstellung zusätzliche Schadstoffe ausgestoßen, unter anderem durch die Maschinen bei der Ernte auf dem Acker. Kritiker argumentieren jedoch, die Industrie nehme den Menschen in den Entwicklungsländern die Nahrung weg, indem Zuckerrohr oder Mais im Tank landeten anstatt auf dem Teller. „In Brasilien selbst hat es diese Debatte nie gegeben“, sagt GTAI-Brasilien-Experte Schuh. „Brasiliens Ex-Präsident Lula da Silva sah in der Produktion sogar eine Chance zur Hungerbekämpfung, indem familiäre Landwirtschaftsbetriebe gefördert werden.“

Während der diese Woche endenden Olympischen Sommerspiele schaut die ganze Welt nach Brasilien. Das japanische Autobauer und Hauptsponsor der Spiele, Nissan, hat diese Bühne genutzt: Erstmals präsentierte er der Welt in Rio seinen neues Brennstoffzellenauto. Das Besondere: Das Auto tankt keinen Wasserstoff, wie vergleichbare Modelle von Toyota oder Hyundai, sondern Ethanol. In einem chemischen Prozess wird aus dem Alkohol Wasserstoff, der wiederum in einer Brennstoffzelle in Strom für den Elektromotor umgewandelt wird. Trotz des nur kleinen Batteriespeichers soll das Auto damit bis zu 600 Kilometer weit kommen. Mit der dieser Kombination hoffen die Japaner, gleich zweifach zu punkten: Zum einen wollen sie vom Trend hin zum umweltfreundlichen Fahren profitieren und werben mit der vergleichsweise emissionsarmen Klimabilanz des e-Bio Fuel Cell. Zum anderen umfahren sie das Problem einer fehlenden Infrastruktur für elektrische Autos.

Genau wollte sich der Konzern zwar noch nicht äußern, wo er das Fahrzeug ins Rennen schicken will. Eine Auslieferung nach Brasilien wäre jedoch konsequent. Nissan-Renault-Chef Carlos Ghosn sieht in Brasilien einen der derzeit wichtigsten Automärkte weltweit und will seinen Marktanteil von aktuell drei auf fünf Prozent steigern. 

Jana Kugoth
Keywords:
Brasilien | Nissan | Bioethanol | Biokraftstoff | Export | Brennstoffzelle | Wasserstoff
Ressorts:
Markets

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