Energiewirtschaft
20.09.2017

Blockchain: Rettung für die Netze

Foto: Creative-Commons/molgreen
Auch die Feuerwehr am Sonnen-Standort Wildpoldsried hat Solarpanele auf dem Dach.

Milliarden Geräte müssen für die dezentrale Energiewende integriert werden. Das deutsche Blockchain-Vorzeigeprojekt im Allgäu setzt hier an und geht nun in die Praxisphase.

Es ist das bislang weltweit größte Blockchain-Projekt im Bereich der Energie-Vernetzung: Bis zu 6.000 Photovoltaik-Heimspeicher aus ganz Deutschland sollen im Laufe der einjährigen Projektphase bis zum Frühjahr 2018 verbunden werden, um für mehr Flexibilität im Stromnetz zu sorgen. Der Verbund aus Übertragungsnetzbetreiber Tennet, IT-Riese IBM und Batteriespeicherhersteller Sonnen setzt damit Maßstäbe. Zum Vergleich: das berühmte New Yorker Pilotprojekt „Brooklyn Microgrid“, das regelmäßig große Besuchergruppen anzieht, verknüpft mit Hilfe der Blockchain gerade einmal zehn Häuser, fünf davon mit Solaranlagen auf dem Dach.

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Nun kommt der nächste Schritt: „Wir schließen die erste Testphase in den nächsten Tagen ab, wie zum Beispiel die Einrichtung der IT zwischen Steuerung des Speicherpools unserer Sonnen-Community und der Blockchain“, sagt Sonnen-Vizepräsident Matthias Dilthey im Gespräch mit bizz energy. Erste Erkenntnisse aus diesem Praxistest erwartet er dann spätestens zum Jahreswechsel.

Per Blockchain werden die Heimspeicher untereinander vernetzt. Produzieren die Solaranlagen mehr Strom, als gerade benötigt wird, kann er so zwischengespeichert werden. Wenn die Sonne nicht scheint, kann der gespeicherte Strom zurück ins Stromnetz, zu den Verbrauchern fließen und genau abgerechnet werden.

Lösung für die dezentrale Energieerzeugung

Das Beispiel macht deutlich, wozu die Blockchain die Lösung sein könnte: für die dezentrale Energieerzeugung im Rahmen der Energiewende. Hausbesitzer, die gewonnenen Strom aus ihren Solaranlagen in die Netze einspeisen, sind nicht länger nur Konsumenten, sondern auch Produzenten – sogenannte Prosumer. Der Trend geht somit weg von großen zentralen Kraftwerken zu vielen kleinen Produzenten.

Das hat viele Vorteile, doch für die heutige Infrastruktur im Bereich der Stromnetze ist das ein Problem: In der Vergangenheit waren Verteilnetze eher für eine Top-Down Leistungsübertragung ausgelegt, von großen Energieunternehmen runter zu den Verbrauchern. Die steigende Dezentralisierung führt zu einem erhöhten Regelbedarf. Dafür sind die Netze bisher nicht gerüstet.

„Mit dem so gewonnenen Wissens- und Technologievorsprung wollen wir in der Lage sein, die Möglichkeiten der Blockchain in der Energiewelt rasch zu nutzen und auf diesem Weg hunderttausende und später Millionen von kleinen und dezentralen Anlagen miteinander zu vernetzen“, sagt Dilthey. Mit solch einem Netzwerk aus Erzeugern, Speichern und Verbrauchern ließen sich die Netze ganz gezielt sowohl auf lokaler Ebene im Niederspannungsnetz als auch überregional flexibel unterstützen.

Netze können schneller und stabiler werden

Auch Jens Strüker, Leiter des Instituts für Energiewirtschaft an der Hochschule Fresenius, sieht die Blockchain-Technik als Schlüssel für den massenhaften und gleichzeitigen Austausch aller Akteure: „Die Integration von Millionen und Milliarden Geräten ist alternativlos“, sagt der Professor für Energiemanagement. „Denn integrieren wir sie nicht, werden die Netzausbaukosten und die Backupkosten wohl bis zur sozialen Inakzeptanz steigen. Wenn wir sie aber als aktive Akteure integrieren, bleibt die Frage wie wir dies technologisch mit einer passenden Marktordnung bewältigen. Und hier kommt Blockchain ins Spiel.“

Ist die Blockchain damit die Lösung für die Stabilisierung der Stromnetze? Mit ihr können die Netze sogar widerstandsfähiger und schneller werden, sagt Strüker. Die Blockchain sei „das Deckelchen für das Töpfchen der Echtzeit-Energiewirtschaft“. Sie könne – so das Versprechen – Transaktionskosten senken und Ressourcen besser auslasten. „Piloten von ‚Grid Singularity’ und ‚Ponton’ zeigen, dass bereits unterhalb der Verteilnetzebene auf Haus-, Straßenzug- oder Stadteilebene eine bessere Auslastung der Netze durch Peer-to-Peer-Handel möglich ist.“ Bei Peer-to-Peer (P2P) läuft der Handel direkt zwischen Haushalten, ohne Mittelsmänner wie Energieversorger.

Pilotprojekte bislang überschaubar

Doch solche Pilotprojekte sind überschaubar – letztlich auch das bislang größte von Sonnen. Wenn aber jede Transaktion auf allen teilnehmenden Computern abgespeichert wird, bedarf es riesigen Speicherplatzes und viel Energie, was man beispielsweise an der Bitcoin-Blockchain beobachten kann. Einzelne Projekte wie „Strom Dao“ oder „Consensys“ arbeiten zwar an schnellere Lösungen, stehen aber auch noch am Anfang. „Strom Dao“ ist ein Stromanbieter mit Sitz in Berlin und Manchester, bei dem man schon heute mit Hilfe der Blockchain Strom beziehen kann. Am US-Projekt „Consensys“ sind Gründer des „Brooklyn Microgrid“ beteiligt.

Zu bewältigen sind zudem regulatorische Hindernisse, da der bisherige rechtliche Rahmen nicht auf dezentrale Energieversorger ausgelegt ist. „Doch im Bereich der Abrechnungen und des Großhandels werden wir relativ schnell Blockchain-Lösungen sehen“, prognostiziert Strüker auf Nachfrage von bizz energy. Da die Blockchain einen direkten P2P-Handel ermöglicht, würden zudem auch die Übertragungsnetzbetreiber ihre Schnittstelle zum Kunden verlieren. Nicht umsonst beteiligen sich Netzbetreiber wie Tennet deshalb an Blockchain-Projekten wie dem von Sonnen – und das sogar ohne öffentliche Förderung.

Carsten Kloth
Keywords:
Blockchain | Energiewirtschaft | Photovoltaik | Solar | Tennet | IBM | sonnen | Sonnen GmbH
Ressorts:
Technology

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