Stromhandel
30.11.2017

Bayerisches Wildpoldsried wird Blockchain-Labor

Foto: Allgäuer Überlandwerk
Der erste Teilnehmer des AWÜ-Blockchain-Projektes auf dem Dach seines Hauses mit PV-Anlage.

Der Energieversorger Allgäuer Überlandwerk und das New Yorker Start-Up LO3 Energy lassen Privatpersonen untereinander Strom handeln. Dies ist nicht das erste Blockchain-Projekt in der kleinen Gemeinde Wildpoldsried.

Das Start-up LO3 Energy betreibt in New York das Brooklyn Microgrid – das populärste Vorzeigeprojekt, wenn um Blockchain in der Energiewirtschaft geht. Jährlich pilgern dort tausende Besucher aus der Energiebranche hin, um den Einsatz der Technologie in der Praxis zu sehen.

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Zukünftig könnten die Besuchergruppen auch Reisen ins schöne Allgäu buchen. Denn nun möchte der Energieversorger Allgäuer Überlandwerk (AWÜ) aus Kempten die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie testen – im Nachbardorf Wildpodsried, wo auch der Batteriespeicherhersteller Sonnen seinen Sitz hat. Er experimentiert ebenfalls mit der Blockchain-Technologie. Das 2.500-Seelen-Dorf setzt seit den neunziger Jahren auf erneuerbare Energien und gilt schon länger als Testfeld für die Energiewende. Nun entwickelt es sich auch zunehmend zum Blockchain-Labor.

Stromhandel mit digitaler Währung

Ziel des Projekts im Allgäu ist der Aufbau einer Handelsplattform, auf der Stromerzeuger und -verbraucher untereinander – ohne einen dazwischengeschalteten Energieversorger – Strom handeln können. Statt wie bisher Strom unbekannter Herkunft von nur einem Versorger zu beziehen, sollen Haushalte nun aus einer Vielzahl verschiedener Lieferanten flexibel auswählen können. Photovoltaik-Besitzer können beispielsweise überschüssigen Strom an den Nachbarn verkaufen, statt ihn wie bisher über die EEG-Vergütung ins Netz einzuspeisen. „Es handelt sich hier um eine Strombörse im Kleinen“, sagt AWÜ-Projektleiter Christian Ziegler im Gespräch mit dem Magazin bizz energy.

Für die Plattform werden im ersten Schritt fünf Pilotkunden ausgewählt, unter ihnen zwei bis drei Besitzer von Photovoltaik-Anlagen. Sie werden mit einem von LO3 Energy entwickelten Smart Meter ausgestattet, welcher Teil der Blockchain ist. Über eine darauf zugeschnittene App handeln die Teilnehmer dann auf der Plattform untereinander mit Hilfe einer digitalen Währung Strom. Der erste Probelauf dauert von April bis Juni 2018, erläutert Ziegler. Das Versuchsprojekt soll dann über drei Jahre gehen und mehr Teilnehmer und neue Partner einbinden.

Allgäu ist attraktiv für Innovationen

Die zentralen Herausforderungen des heutigen Energiemarkts seien „die Dezentralisierung, die Dekarbonisierung und die Digitalisierung“, sagt Michael Lucke, Geschäftsführer des Allgäuer Überlandwerks. Die Blockchain-Technologie helfe, diese Herausforderungen zu meistern.

Lawrence Orsini, Geschäftsführer von LO3 Energy, sieht im Allgäu eine der technologisch am weitesten entwickelten Regionen des deutschen Energiemarktes. Die hohe Konzentration an erneuerbarer Energieerzeugung, Batteriespeichersystemen und die moderne Netzinfrastruktur mache sie für den Test innovativer Energiekonzepte sehr attraktiv. „Diese Idee und die damit verbundenen Geschäftsmodelle eröffnen lokalen Stromerzeugern und Batteriespeicherbesitzern die Möglichkeit, ihre Energie an lokale Verbraucher zu verkaufen oder in bestimmten Fällen sogar zu spenden“, sagt Orsini. Die Plattform biete den Besitzern von Photovoltaikanlagen eine alternative Vermarktungsmöglichkeit, wenn die EEG-Vergütung in den nächsten Jahren für die ersten Anlagen ausläuft: sie könnten ihren Ökostrom auf dieser Plattform anbieten, während konsumbewusste Verbraucher ihren Strom direkt aus ihrer Nachbarschaft beziehungsweise Region beziehen können. Langfristig soll der Stromhandel auf das gesamte Netzgebiet ausgeweitet werden.

Natürlich bestehe für AWÜ die Gefahr, sich als Mittelsmann selbst auszuschalten, sagt Ziegler. Das Allgäuer Überlandwerk sehe aber die Chance, sich vom Versorger zum Energiedienstleister und Marktplatzbetreiber zu entwickeln, um den Kunden nicht komplett zu verlieren.

Smart Grid von Siemens erprobt

Die Allgäuer Überlandwerke greifen auf Erfahrungen zurück, die sie mit dem „Allgäu Microgrid“ bereits in Wildpoldsried gesammelt haben. Im November koppelte die Gemeinde Wildpoldsried einen Teil ihres Niederspannungsnetzes vom öffentlichen Netz ab. Das so entstandene Inselnetz ließ sich nach Siemens-Angaben unterbrechungsfrei und stabil betreiben. Siemens und seine Projektpartner schufen somit ein regionales, in sich geschlossenes intelligentes Stromverteilnetz – ein Microgrid, ausschließlich mit erneuerbaren Energien aus der Region.

Der Inselnetzversuch fand im Rahmen des Forschungsprojektes IREN2 statt. Hier haben Siemens, die Allgäuer Überlandwerk, AllgäuNetz, ID.KOM, RWTH Aachen und die Hochschule Kempten seit 2014 gemeinsam ein Smart Grid, also ein intelligentes Stromversorgungsnetz, im Allgäu aufgebaut und erprobt. „Wir haben nun erfolgreich die Fähigkeiten eines Microgrids in Wildpoldsried unter realen Bedingungen demonstriert“, sagt Constantin Ginet, Leiter der Microgrids Global Unit bei Siemens.

Auch Sonnen setzt auf die Blockchain

Ein weiteres großes Blockchain-Projekt aus Wildpoldsried startete im November in die Pilotphase: Der E-Batteriehersteller Sonnen, Netzbetreiber Tennet und IBM verbinden Photovoltaik-Heimspeicher per Blockchain. Sonnen vernetzt die dezentralen Speicher seiner Teilnehmer untereinander, die so einen virtuellen Batteriepool bilden. Der kann gezielt Schwankungen im Stromnetz ausgleichen. Das erleichtert wiederum die Nutzung von erneuerbaren Energien insgesamt, da sie gleichmäßiger verteilt und Produktionsspitzen aufgefangen werden.

Es sei Zufall, das Sonnen in Wildpoldsried angesiedelt sei, sagt Ziegler. An dem AWÜ-Projekt sei der Batteriespeicherhersteller nicht beteiligt. Dennoch: Die Gemeinde Wildpoldsried gilt als Vorzeigegemeinde bei der Transformation hin zu einer von Prosumern gestützten Stromversorgung. Prosumer sind gleichzeitig Erzeuger und Konsumenten von Strom. Der Ort versorgt sich energetisch vollständig aus erneuerbaren Energien und erzeugt über das ganze Jahr gesehen sieben Mal so viel Strom, wie er verbraucht.

Der Wandel hin zum Prosuming geht einher mit einer stärkeren dezentralen Einspeisung erneuerbarer Energien. Die Blockchain spielt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle. In der kleine Allgäuer Gemeinde Wildpoldsried könnte sich zeigen, ob die Energiewende mit Hilfe der Blockchain gelingen kann.

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Carsten Kloth
Keywords:
Blockchain | Stromhandel
Ressorts:
Technology | Markets

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