IASS-Studie
14.11.2017

Deutsche wollen gerechtere Energiewende

Foto: Alois Köppl, Gleiritsch
Windpark Pamsen in Bayern. Genehmigungsprozesse für Windanlagen bergen oft hohes Konfliktpotenzial

Die Mehrheit der Deutschen befürwortet die Energiewende. Allerdings sind sie für verbrauchsabhängige Stromtarife und gegen Privilegien für Unternehmen, wie eine Studie zeigt.

René Mono, Vorstand des Think-Tanks 100 Prozent Erneuerbar Stiftung, hält die Ergebnisse für alarmierend: „Die soziale Nachhaltigkeit der Energiewende ist in Gefahr“, sagt er bei der Vorstellung des „Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers zur Energiewende“ in Berlin. Die Bürger hätten bei zentralen Themen wie Kostenverteilung und Gerechtigkeit „radikal andere“ Vorstellungen als das, was die Politik in den vergangenen Jahren entschieden habe. Die Privilegien der Industrie bei der Finanzierung der Energiewende seien „nicht akzeptabel“ im Vergleich zu dem, was kleinere Verbraucher oder Privathaushalte zahlen müssen.

Anzeige*

„Die große Mehrheit der Bevölkerung hält die Energiewende für nicht sozial gerecht“, sagt Ortwin Renn, wissenschaftlicher Direktor am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS). Nur dann könne diese jedoch gelingen. Er appellierte an die Politik, die Einführung eines progressiven Stromtarifs oder Entlastungen für Geringverdiener zu erwägen, Ausnahmen von der EEG-Umlage für die Industrie erneut unter die Lupe zu nehmen und die Übertragbarkeit von Belastungen – etwa vom Vermieter zum Mieter – kritisch zu hinterfragen. „Es gibt Nachholbedarf“, sagt Renn. Er betont jedoch, dass die Befragten die Energiewende nicht für zu teuer hielten, sondern bereit seien, ihren Beitrag zu leisten.

Soziale Schieflage bei Ausgestaltung der Energiewende

Der repräsentativen Umfrage zufolge sind 88 Prozent der Deutschen für die Energiewende – unabhängig von Bildung, Einkommen und politischer Präferenz. Rund zwei Drittel sehen jedoch eine soziale Schieflage bei der Ausgestaltung. 65 Prozent der Befragten finden, dass einkommensschwache Haushalte übermäßig belastet werden, während Unternehmen und Wohlhabendere eher davon profitieren. Eine breite Mehrheit wünscht sich, dass Vielverbraucher von Strom stärker an der Finanzierung der Energiewende beteiligt werden. 72 Prozent der Bevölkerung lehnen die Befreiung von besonders energieintensiven Unternehmen von der EEG-Umlage ab.

Das soziale Nachhaltigkeitsbarometer hat in diesem Jahr sein Debut. Dahinter stehen das IASS, die Forsa-Demoskopen und das RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, die von Juni bis Juli rund 7.500 Haushalte online befragten. Zusammen bilden sie die Partnerschaft Dynamis, die ein Monitoring-System erschaffen will, um die Akzeptanz der Energiewende bei den Bürgern zu prüfen und der Politik auf dieser Basis Handlungsempfehlungen zu geben. Politische Mehrheiten für den Umbau der Energieversorgung und eine Verhaltensänderung bei den Bürgern seien nur erreichbar, wenn die Energiewende als gesamtgesellschaftliches Werk betrachtet werde, sagt Daniela Setton, wissenschaftliche Mitarbeiterin am IASS.

Auch Bürger von Braunkohle-Bundesländern sind für Kohleausstieg

Viele Ergebnisse waren für die Studienautoren überraschend: Etwa, dass ähnlich viele Bürger für den Kohleausstieg sind wie für den Atomausstieg. Das gilt selbst in den vier Bundesländern mit Braunkohleabbau: Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Oder, wie deutlich unzufrieden die Deutschen mit den Parteien sind: die meisten der Befragten (23 Prozent) finden, dass keine der Parteien im Bundestag die besten Konzepte für die Energiewende habe. Und: sogar 75 Prozent der Vermieter sind dafür, Mieterhöhungen so zu begrenzen, dass sich die Mieter die Wohnung auch nach einer energetischen Sanierung noch leisten können.

Zudem wünscht sich das Gros der Bevölkerung mehr Mitspracherecht beim Bau von Onshore-Windanlagen. So fordern 85 Prozent der Befragten, dass sich Bürger frühzeitig in den Planungsprozess für Windrädern in ihrer Umgebung beteiligen können. „Wir brauchen ein anderes Planungsverständnis bei der Energiewende“, sagt Mono. Er kritisiert, dass beim Ausbau von Windparks sowie von Stromtrassen in Deutschland wenig Partizipation der Menschen vorausgesetzt werde. Wenn diese jedoch etwa bei Windanlagen kein Mitspracherecht hätten, würden sie sich an Protesten beteiligen, obwohl sie eigentlich für die Energiewende seien. „Das ist ein Riesenproblem“, sagt Mono. Das Gleiche gelte für den Stromnetzausbau, wo das Stromnetzausbau-Beschleunigungsgesetz die Beteiligung von Bürgern erschwere.

Jutta Maier
Keywords:
Energiewende | Windparks | Bürgerbeteiligung | EEG-Umlage
Ressorts:
Governance

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy September-Ausgabe 2017

Die aktuelle Ausgabe gibt es am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter (Mail:bizzenergy@pressup.de) sowie als E-Paper bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Welche Stellschrauben können Sie drehen, um Ihren Bestandswindpark zu optimieren?
Mithilfe des interaktiven Datentools von bizz energy Research sehen Sie die Effekte auf den Netto-Cashflow.


Link zum Cashflow-Rechner von bizz energy Research