Interview
10.04.2017

„Shared Autonomy ist die Zukunft“

Foto: Linden Capital

Start-up-Investor Thomas Andrae über dezentrales Laden, Autos als Energieproduzenten und den US-Pionier Tesla.

bizz energy: In welchen Bereichen können Start-ups die Elektromobilität revolutionieren?
Thomas Andrae: Die Energiedichte von Batterien wird deutlich steigen, während die Ladezeiten sinken. Dadurch können wir unsere Fahrzeuge in Zukunft dezentral laden. Dann hole ich mir im Café einen Cappucchino, hänge das Auto vier Minuten an eine Ladesäule oder stelle es irgendwo hin, wo es induktiv geladen wird, und habe wieder 400 bis 500 Kilometer Reichweite. Außerdem werden die Karosserien sehr leicht sein, ähnlich wie ein Formel-1-Auto: Also in Kohlefaser-Monocoque-Bauweise, idealerweise mit Solarzellen in der Außenhaut. In Gegenden mit viel Sonne werden diese Fahrzeuge komplett autark sein und nicht mehr an die Steckdose müssen.

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Entwickelt sich das Auto also zum Energieproduzenten?
Genau, die Menschen können es neben dem Haus abstellen und mit der Infrastruktur verbinden, um abends damit Radio, TV oder Herd zu betreiben. Der US-Autobauer Tesla verfolgt dieses Prinzip schon mit seinen ‚Wall Batteries‘. In Zukunft werden sich geparkte Fahrzeuge zudem nach der Sonne ausrichten; über Aktuatoren, die gleichzeitig für den Vortrieb sorgen. Wenn gleichzeitig der Energieverbrauch niedrig ist, macht all das eine verteilte Ladeinfrastruktur überflüssig. Hinzu kommt, dass sich alles in Richtung Shared Autonomy bewegt: also geteilte, autonome Fahrzeuge – und das Thema Fliegen: Nach Uber X und Uber Pool kommt bald auch Uber Drone.

Welche Rolle spielt Tesla als E-Auto-Pionier in Zukunft?
Beim Model 3 geht Tesla-Gründer Elon Musk das Reichweitenproblem immer noch sehr konventionell an – nämlich mit extrem vielen Akkus, anstatt die Systeme selbst effizienter zu machen. Wenn alle 250 Millionen Autobesitzer in den USA einen Tesla S hätten, müssten 3.000 Milliarden Dollar ins Stromnetz investiert werden, um die Energie zum Laden zu den Autos zu bringen. Wir müssen also den Energieverbrauch der Fahrzeuge senken.

Trotzdem hat Tesla in Bezug auf die Reichweite in der Branche Maßstäbe gesetzt. Zählt das nichts?
Das mag sein, aber im Hinblick auf den Energieverbrauch ist nicht nur Tesla, sondern auch Audi von vorgestern. Audi packt für eine Reichweite von rund 500 Kilometern den Boden eines Q7 mit mehr als 1.000 Akkus voll. Das ist auch nicht nachhaltig, weil die Batterien relativ schnell altern. Nach drei bis vier Jahren müssen sie eigentlich recycelt werden, aber das ist praktisch unmöglich. Bei der Entsorgung wird die Umwelt geschädigt, weil sich die darin enthaltenen Substanzen kaum recyceln lassen.

Wer hat denn die Nase vorn bei Neuerungen in der E-Mobilität?
Das Unternehmen 24M aus Boston stellt momentan die besten Lithium-Ionen-Blöcke her, außerdem sollte man die großen Hersteller wie Panasonic und LG nicht unterschätzen. Am interessantesten finde ich allerdings die Aktivitäten an den US-Universitäten: MIT, Stanford, Caltech. Dort findet man extrem gute Leute – auch viele Deutsche, die hierzulande keine Finanzierung bekommen.

Und wenn jetzt US-Präsident Donald Trump sagt, dass Kohle die Energie der Zukunft liefert?
Er spielt in der Hinsicht keine Rolle. Relevant ist doch, dass die Forschung insgesamt von den großen Venture Capital Funds finanziert wird, weniger vom Staat. Der Bereich, in dem wir arbeiten, ist komplett dereguliert. Außerdem ist viel Kapital im Markt. Das wird auch Trump nicht kaputt machen können.

 

Thomas Andrae ist spezialisiert auf Frühphaseninvestitionen in Start-ups, unter anderem in Bereichen wie Machine Learning und Künstliche Intelligenz. Außerdem ist Andrae Chefstratege bei einem Advanced-Mobility-Start-up in Boston. Er pendelt regelmäßig zwischen Berlin und der US-Ostküste.

Interview: Jutta Maier
Keywords:
autonomes Fahren | Elektroautos | Thomas Andrae | Tesla | Donald Trump | Elektromobilität
Ressorts:
Technology | Markets

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bizz energy Dezember 2017/Januar 2018

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