Wasserstoff
02.09.2013

„Elegante Lösung“

Total; Titelbild: depositphotos; Igor Sandra

Total-Manager Patrick Schnell über das Potenzial der Brennstoffzelle und Europas größtes Projekt für Wasserstoffmobilität, die von ihm geführte Clean Energy Partnership (CEP).

BIZZ energy today: Herr Schnell, warum fördert der Mineralölkonzern Total die Entwicklung von Wasserstoff als Kraftstoff? Macht es Spaß, sich selbst zu kannibalisieren?

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Patrick Schnell: Für uns ist das keine Kannibalisierung, sondern die Vorbereitung auf den Energiemix der Zukunft. Wir wissen, dass wir bei der weltweiten Erdölförderung ein Plateau erreichen und Alternativen benötigen. Die Frage ist natürlich, welche Alternativen sich durchsetzen. Da spielen sehr viele Faktoren eine Rolle, die nicht ein Konzern oder ein Land alleine beeinflussen kann. 

Welche Alternativen zum Öl sehen Sie, welche Chancen hat der Wasserstoff?

Für Brasilien zum Beispiel ist Ethanol aus Zuckerrohr eine sehr schöne Lösung, und auch die sinnvollste, weil der Rohstoff ausreichend vorhanden ist. In Europa, insbesondere in Deutschland, werden Elektrofahrzeuge eine Rolle spielen. Die batteriebetriebene Variante eignet sich für kürzere Distanzen. Für Leute, die außerhalb der Stadt längere Strecken fahren, bietet sich die Brennstoffzelle an. Sie ermöglicht im Vergleich zur Batterie kurze Tankstopps und deutlich längere Reichweiten. Sinnvoll können dabei Hybrid-Lösungen sein, die etwa Batterie und Brennstoffzelle kombinieren. Wir sind fest davon überzeugt, dass es einen breiten Energiemix geben und der Wasserstoff daran einen guten Anteil haben wird – als Speichermedium für die Erneuerbaren und auch als Kraftstoff im Verkehr.

Gibt es im internationalen Vergleich ein Vorbild für Deutschland?

Als wir in Deutschland 2002 die Clean Energy Partnership (CEP) gründeten, haben wir noch neidisch auf Japan und die USA, insbesondere auf Kalifornien, geschielt. Mittlerweile hat sich die Situation gedreht, jetzt schaut man schon mal voller Anerkennung auf Deutschland.

Warum ist das so?

Fast alle Autobauer, die weltweit Wasserstoffantriebe entwickeln, machen heute bei der CEP mit. Zusammen haben wir wichtige Lösungen erarbeitet, insbesondere zum optimalen Tankstellen-Design. Die von uns definierten Standards gelten heute weltweit. Wir haben die Befüllkupplung, die Schnittstelle zwischen Fahrzeug und Tankstelle, verbessert. Und bei der Produktion von Wasserstoff mithilfe von Ökostrom und Biomasse können wir eine steile Lernkurve vorweisen.

Welche Rolle spielt dabei die deutsche Energiewende?

Sie spielt uns genau in die Karten: Wasserstoff ist eine elegante Lösung für die Speicherung von Ökostrom, gerade an sonnigen und windigen Tagen. Die gespeicherte Energie sollte man aber am besten nicht zurückverstromen, sondern direkt als Kraftstoff einsetzen.

Dafür ist eine gute Infrastruktur notwendig. Wie kommen Sie da voran?

In Deutschland entsteht bis 2015 eine Grundversorgung von 50 Tankstellen, verteilt auf Metropolen und wichtige Autobahnverbindungen. Das ist einzigartig in Europa und ein erster Anreiz für den Kauf von Brennstoffzellen-Autos. Aber danach muss es weitergehen, wir brauchen für eine ausreichende Versorgung 500 bis 1.000 Wasserstofftankstellen. Die würden sich bei mindestens einer Million Brennstoffzellen-Autos auf deutschen Straßen auch rentieren. Deutschland ist ein Flächenland, ein wirklich flächendeckendes Tankstellennetz ist also viel aufwändiger als zum Beispiel in Japan.

Wie ist die aktuelle Lage in Japan?

Die Regierung in Tokio will bis 2015 landesweit 150 Wasserstofftankstellen errichten. Es gibt nur ein oder zwei Hauptautobahnen, die Insel ist sehr klein und mit Tankstellen an verschiedenen strategischen Punkten erreichen die Japaner mit vergleichsweise wenig Aufwand eine sehr gute Abdeckung.

Warum setzt Tokio so auf Wasserstoff?

Weil die Abhängigkeit in Japan von Erdöl und Erdgas noch größer ist als hier in Europa. Die Japaner haben selbst ja gar keine Reserven. Und sie haben ein noch größeres Problem mit städtischen Abgasen als etwa wir hier in Deutschland.

Toyota war bei der Batterie-Technik Pionier. Sind japanische Hersteller auch bei der Entwicklung kommerzieller Brennstoffzellen-Autos führend?

In der Gesamtschau haben die deutschen Hersteller inzwischen aufgeholt und müssen sich nicht mehr hinter den Japanern verstecken. Innerhalb der CEP pflegen wir partnerschaftlichen Austausch, auch in Form internationaler Kooperationen. So entwickeln Daimler, Ford und Nissan gemeinsam den Antriebsstrang für ihre ersten Serienmodelle. Toyota und BMW unterstützen sich gegenseitig bei der Leichtbauweise und der Kombination von Batterie und Brennstoffzelle.

 
 

Die Clean Energy Partnership (CEP) ist das größte Projekt für Wasserstoffmobilität in Europa. Ziel ist der demonstrative Betrieb von Fahrzeugen, der Aufbau eines Tankstellennetzes sowie die Weiterentwicklung von Techniken zum Wasserstoff-Transport und zur CO2-armen Wasserstoffproduktion. Die CEP wird als „Public-Private-Partnership“ von der Bundesregierung finanziell unterstützt und hat 16 Mitglieder; darunter sind quasi alle namhaften Autobauer, die Gasspezialisten Linde und Air Liquide, die Ölkonzerne Shell und Total, der Versorger EnBW und Siemens. CEP-Vorsitzender ist Patrick Schnell;  der Bauingenieur verantwortet das Tankstellennetz von Total. 

 

 

Joachim Müller-Soares
Karsten Wiedemann
Keywords:
Patrick Schnell | Total | Wasserstoff | E-Mobilität
Ressorts:
Technology

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